Kindermann verliert so schnell wie nie

Erstellt am: 13.11.2017

MSA Zugzwang kassiert im Kellerduell 2:6-Pleite / Bayern-Schachspieler mit 4:4 gegen Speyer-Schwegenheim gut bedient / Lammers und Meister verpassen Überraschungssiege

Von Hartmut Metz

„Ein Wechselbad der Gefühle“ haben die Münchner Bayern durchlebt. „Das lief nicht wie erhofft“, gesteht FCB-Abteilungsleiter Jörg Wengler. „Jetzt wird es natürlich bezüglich des Klassenerhalts ganz schwer“, ahnt derweil Markus Lammers. Was den Kapitän der Münchener Schachakademie (MSA) Zugzwang genauso umtreibt, war das Bundesliga-Duell gegen Kellerkind SG Speyer-Schwegenheim. Die 1,5:6,5-Niederlagen gegen Abonnementmeister OSG Baden-Baden hakten beide dagegen eher sogar als Erfolg ab.

„Wir haben nun einen Punkt weniger als erhofft“, wertet Wengler das 4:4 gegen die Pfälzer als kleinen Rückschlag – gleichwohl der Tabellen-14. letztlich froh sein musste, „immerhin nicht verloren zu haben“. Obwohl der FC Bayern vier Großmeister an die acht Bretter brachte, waren diese am wechselhaften Verlauf besonders beteiligt. Nur Klaus Bischoff fehlte, zudem musste Nachwuchs-Ass Valentin Dragnev kurzfristig passen, was die Vorbereitung der Münchner torpedierte. Der Schweizer Noël Studer und Christian Gabriel unterlagen den Letten Arturs Neiksans und Nikita Meskovs. Bayern-Urgestein Michael Bezold kam gegen den Ungarn Robert Ruck glücklich zur Punkteteilung – und dessen Landsmann Zoltan Ribli verschenkte auf wohl fast einmalige Weise in seiner Karriere einen Sieg: Der ehemalige WM-Kandidat gewinnt Endspiele mit nur ein paar verbliebenen Bauern normalerweise im Schlaf, wickelte aber diesmal gegen Lev Yankelevich die Gewinnstellung mit Mehrbauer kurioserweise ins Remis ab. Weitere Unentschieden steuerten Michael Fedorovsky gegen Miklos Nemeth und Linus Johansson gegen Adam Horvath bei.

Grund zur Klage sah Wengler nicht, weil neben Bezold auch Philip Lindgren mit Fortuna im Bunde war. Der Speyerer Luca Shytaj vergeigte ein ähnlich einfaches Endspiel wie Ribli mit einem Springer gegen zwei Bauern unbegreiflich in den Verlust. Der Ehemann von Deutschlands Spitzenspielerin Elisabeth Pähtz ließ den schwarzen a-Bauern ohne Not durchlaufen. So rettete der Schwede den Bayern nach 70 Zügen beim Stand von 3:4 wenigstens den ersten Mannschaftszähler der Saison. Makan Rafiee hatte für die Münchner zuvor den ersten Tagessieg eingefahren: Kontrahent Gabor Kovacs übersah einen – für Spieler seiner Preisklasse - billigen Matt-Trick. Der Ungar fraß gierig den h-Bauern. Rafiee konnte danach klassisch auf f7 die Dame opfern, das hernach ein Grundlinienmatt mit zwei Türmen ermöglicht hätte. Der schockierte Kovacs hatte jedoch genug gesehen ...

Die Emotionen hielten sich derweil beim offiziellen Gastgeber des Münchner Doppelspieltags in Grenzen: „Gegen Speyer-Schwegenheim hatten wir uns viel vorgenommen, mussten dann aber enttäuschenderweise eine deutliche Niederlage hinnehmen. Ein Sieg war in keiner Partie in Reichweite“, lässt Lammers das klare 2:6 Revue passieren. Einen Tiefschlag hatte ausgerechnet Routinier Stefan Kindermann (Foto oben)) seinem MSA Zugzwang verpasst: Der Österreicher verlor so schnell wie noch nie in seiner Karriere. Nach einem demoralisierenden Läufer-Einsteller gab die Nummer zwei der Hausherren nach 18 Zügen gegen Meskovs auf - Kindermann hatte vermutlich an einen Damenfang bei Annahme der Figur geglaubt und nicht deren Flucht von d6 nach e6 bedacht. In der Mega-Database findet sich zwar eine vermeintlich noch schnellere Schlappe des Münchners im Jahr 1987 in Trnava gegen Eduard Meduna – doch in ausgeglichener Stellung dürfte lediglich das Ergebnis falsch eingegeben worden sein mit 1:0 statt ½.

Stefan Bromberger verlor mit Weiß auch relativ einfach gegen Horvath. Lammers und Falk Hoffmeyer kassierten weitere Nullen in den Vergleichen mit dem Unglücksraben vom Samstag, Kovacs, und Ribli-Glücksritter Yankelevich. Vier Remis waren aus MSA-Sicht deutlich zu wenig.

Für den Tabellen-14. (Bayern) und 15. (MSA), die nun beide in der 16er-Liga jeweils 1:7 Punkte aufweisen und zwei Zähler hinter dem Tabellenelften Speyer-Schwegenheim (3:5) liegen, waren die Vergleiche mit dem souveränen Spitzenreiter Baden-Baden (8:0) reines Schaulaufen. Die Kurstädter brauchten erwartungsgemäß ihre absoluten Topstars nicht in der bajuwarischen Metropole. Die Weltklasse-Großmeister aus der zweiten Reihe setzten sich auch so klar mit 6,5:1,5 durch. „Früher waren es ganz andere Desaster“, befand Wengler zufrieden. Peter Meister hätte den Bayern, die am Sonntag gegen Baden-Baden bis auf Studer auf alle Großmeister verzichteten, sogar einen Ehrentreffer bescheren können. Doch verpasste der FCB-Amateur nach einem Figurenopfer des usbekischen Kurzzeit-Weltmeister Rustam Kasimdzhanov den K.o.-Schlag. „In Zeitnot übersah ich die Krönung durch ein Damenopfer nebst Matt“, bedauerte Lammers. Der MSA-Mannschaftsführer hatte Peter Heine Nielsen, Sekundant von Weltmeister Magnus Carlsen, im Würgegriff – ließ den Dänen aber noch ins Dauerschach entkommen. Ihm blieb wie Meister am Schluss wenigstens ein Achtungs-Remis als kleiner Trost für die zuvor starke Leistung.

Peter Meister | Foto: Hartmut Metz
Peter Meister | Foto: Hartmut Metz

Bei MSA Zugzwang trotzten überdies Gerald Hertneck dem Franzosen Etienne Bacrot und Spitzenspieler Leon Mons dem Polen Radoslaw Wojtaszek. Letzterer konnte sich auch gegen Studer nicht durchsetzen, der nach einer Gehirnerschütterung und längeren Schach-Pause wieder ans Brett zurückkehren konnte. Außerdem durfte sich bei den Bayern Rafiee über den Friedensschluss mit Jan Gustafsson freuen. „Inzwischen haben sich hinten bis auf den Hamburger SK alle Mannschaften versammelt, die dort erwartet wurden“, hält Wengler das Ziel Klassenerhalt weiter für machbar, bestätigt aber Lammers Sichtweise, dieser sei nach den Punkteinbußen gegen Speyer-Schwegenheim „schwerer geworden“.



Über den Autor

Hartmut Metz ist Redakteur beim Badischen Tagblatt mit Hauptsitz in Baden-Baden. Er schreibt außerdem unter anderem für die taz, die Frankfurter Rundschau und den Münchner Merkur über Schach und Tischtennis. Zudem verfasst der FM von der Rochade Kuppenheim regelmäßig Beiträge für das Schach-Magazin 64, Schach-Aktiv (Österreich) und Chessbase.de. Darüber hinaus stammen mehrere Turnierbücher aus seiner Feder.