Interview mit einem Cheater (2/2)

Erstellt am: 27.09.2015

Zweiter Teil des Interviews mit dem Amateurspieler Christoph Schmid *, der jahrelang in seinen Partien unerlaubte Hilfsmittel verwendete und am Ende dann durch eine Unachtsamkeit aufflog.

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Schachbundesliga: Ist es Ihnen mit Hilfe Ihres Handys auch einmal gelungen, einen Titelträger zu schlagen?

Schmid: Nur ein einziges Mal, was aber auch daran lag, dass ich so gut wie nie Opens spiele und gespielt habe. Diese Turniere gehen meist über mehrere Arbeitstage und ich möchte nicht deswegen meinen Urlaub opfern. Einmal war aber in der Nähe meines Wohnortes ein Wochenendturnier über 4 Tage, bei dem ich mitmachen konnte, denn der Donnerstag war ein Feiertag und die Firma, in der ich arbeite, hatte am Freitag geschlossen. Die Auslosung bescherte mir gleich in der 1. Runde einen Internationalen Meister aus dem Ausland. Wäre natürlich toll gewesen, ihn zu schlagen, aber ich traute mich nicht so recht, allzu oft das Handy zu Rate zu ziehen, denn bei einem Open ist man wesentlich mehr auf dem "Präsentierteller" wie bei den Mannschaftskämpfen in der Bezirksliga.

Dennoch hielt ich die Partie bis zur Zeitkontrolle überraschend ausgeglichen und im 41. Zug machte mein Gegner ein sehr seltsames Manöver, indem er seine Dame tief in mein Lager spielte. Darauf beschlich mich das Gefühl, dass das ein schwerer Fehler sein könnte, denn es hatte den Anschein, als könnte ich die vorgepreschte Königin vielleicht fangen. Ich war jedoch am Zug und konnte daher schlecht aufstehen und auf der Toilette verschwinden, also machte ich einen naheliegenden Zug, der der Dame weitere Felder nahm und verschwand eiligst aus dem Turniersaal. Mein Gegner hatte jedoch meine Antwort bereits erwartet und zog umgehend, aber das passte natürlich nicht in meinem Plan. Ich tat daher so, als hätte ich es nicht gehört und setzte meinen Weg fort.

Schachbundesliga: Ist er ihnen nicht gefolgt?

Schmid: Nein, zu diesem Zeitpunkt schöpfte er vermutlich noch keinen Verdacht. Allerdings entpuppte sich die Stellung als weitaus komplizierter, als ich dachte - das Handy konnte die Gewinnvariante einfach nicht finden. Ich war mir aber sicher, dass es sie geben musste, daher ließ ich das Programm immer weiter rechnen. Schließlich war der Horizont erreicht und die Bewertung sprang auf +5 oder mehr. Die Dame war tatsächlich in die Falle geraten. Das Problem war nur: Ich hatte völlig die Zeit vergessen und geschlagene 15 Minuten in der Kabine verbracht. Es war klar, dass mein Gegner nunmehr SEHR misstrauisch geworden sein musste, inbesondere, wenn ich das nicht gerade naheliegende Gewinnmanöver ausführen würde. Ich schaltete das Handy aus und steckte es sicherheitshalber in den Schuh, in der Hoffnung, dass dort niemand suchen würde.

Zurück am Brett musterte mich der IM mit einem durchdringenden Blick und als ich den Damenfang, den er wahrscheinlich in der Zwischenzeit auch gefunden hatte, mit einer Serie von einzigen Zügen schließlich "fand", war ihm deutlich anzumerken, dass ich unter Verdacht stand. Nachdem er aufgegeben hatte, nahm er mich beiseite und meinte auf englisch, dass er mich im Verdacht hätte, mit Computerunterstützung zu spielen. Er wolle mir aber erst einmal die Chance geben, es zuzugeben oder ihm das Gegenteil zu beweisen, ehe er die Turnierleitung verständigen würde. Ich versuchte, so ruhig wie möglich zu wirken und erlaubte ihm, meine Taschen zu durchsuchen, woraufhin er sich sogar bei mir entschuldigte und nicht reklamierte.

Schachbundesliga: Wie lief der Rest des Turniers? Haben Sie weitere "Skalps" erobert?

Schmid: Ich hatte große Angst, dass mein Gegner doch noch zur Turnierleitung gehen und ich fortan unter heimlicher Beobachtung stehen würde, daher nahm ich mein Handy zur nächsten Runde nicht einmal mit in den Turniersaal. Am Ende holte ich, wenn ich mich recht erinnere, mit 3,5 aus 7 gerade einmal 50%.

Schachbundesliga: Sind Sie sicher, dass ich das so schreiben soll? Sollte der IM diese Zeilen zufällig lesen oder davon hören, wäre es doch ein Leichtes für ihn, sie nachträglich zu identifizieren?

Schmid: Einige Zeit später, aber noch vor meiner "Enttarnung", traf ich ihn zufällig auf einem Schnellturnier wieder und nutzte die Gelegenheit, ihm zu gestehen, dass er damals mit seinem Verdacht Recht gehabt hatte. Er hatte den Vorfall zwar bereits vergessen, wurde aber zornig, als er sich schließlich daran erinnerte, denn die Niederlage gegen mich kostete ihn am Ende einen Platz in den Preisrängen. Ich lud ihn und seine Frau nach dem Turnier zum Essen ein und nach einem langen Gespräch war er bereit, meine Entschuldigung zu akzeptieren und die Sache zu vergessen.

Schachbundesliga: Wie sind Sie dann schlussendlich aufgeflogen?

Schmid: Früher oder später werden alle Betrüger einmal unaufmerksam. Wenn es jahrelang problemlos läuft, lässt die Anspannung nach, das Cheating wird sozusagen Routine, wenn man so will. Das führt fast zwangsläufig zur Nachlässigkeit, man macht Fehler. Und irgendwann ist es dann soweit, man wird erwischt.

Ich hatte insofern unverdientes Glück, dass ich bei keinem Open oder Punktspiel aufflog, sondern beim Vereinsturnier meines Verereins. Ich spielte gegen die Nummer 2 unserer DWZ-Liste und wollte ihn unbedingt schlagen. Tja, und als ich in der Kabine des WCs gerade den nächsten Zug austüfteln ließ, ging plötzlich die Tür auf und mein Gegner stand vor mir. Ich hatte vergessen, den Riegel vorzulegen.

Man muss dazu sagen, dass mein Gegner nicht nur ein Vereinskamerad war, sondern auch ein guter Freund. Er wusste, dass ich gerade große private Probleme hatte, die ich hier nicht ausbreiten möchte. Wir gingen zusammen nach oben, er erklärte dem Turnierleiter, dass wir uns auf Remis geeinigt hatten und anschließend gingen wir zu ihm nach Hause und redeten stundenlang.

Schachbundesliga: Fühlten Sie sich danach erleichtert?

Schmid: Ja, total. Ich wollte ja eigentlich nach jeder Partie mit dem Betrug aufhören. Fast jedes Mal redete ich mir vor Turnierpartien ins Gewissen, diesmal das Handy nicht zu Rate zu ziehen. Aber ich hielt das nie durch und argumentierte mir selbst gegenüber fast wie ein Junkie. "Nur einmal kurz, ich mag gerade das nicht rechnen, weil ich Kopfschmerzen habe oder von der Arbeit so müde bin", oder "nur kurz checken, ob die Variante wirklich geht, wäre ja sonst schade um die schöne Partie". Solche Dinge eben. Nun aber wurde mir in vollem Umfang bewusst, dass ich im Grunde ein richtig übler Betrüger war und auch aufhören musste, mich selbst zu belügen. Ich beschloss, erst einmal einen Schlussstrich zu ziehen und hörte für rund 1½ Jahre komplett mit Schach auf. Ich löschte jegliche Software von PC und Handy, stiftete meine Bücher dem Schachklub und das Schachbrett der örtlichen Bücherei. Mein Umfeld und v.a. meine Frau verstanden die Welt nicht mehr, aber ich wollte erst dann wieder spielen, wenn ich meine Ängste vor dem Verlieren in den Griff bekommen hätte.

Schachbundesliga: Und heute?

Schmid: Seit kurzem spiele ich wieder, allerdings nur Ersatz an Brett 9 und nur dann, wenn Not am Mann ist. Aber ich fürchte, bei unserer dünnen Spielerdecke wird das fast immer sein. Das Handy habe ich gegen ein altes Nokia ausgetauscht und das teure Smartphone meiner jüngeren Tochter geschenkt. Sie konnte ihr Glück kaum fassen (lacht). Bislang habe ich erst eine Partie gespielt, in der 1. Runde der Liga. Ich habe wahrscheinlich eine Menge übersehen, aber am Ende dennoch gewonnen.

Schachbundesliga: Hatten Sie wieder Angst, zu verlieren?

Schmid: Nur ganz kurz, als die Partie begann. Aber dann dachte ich mir: "Sch... drauf!" - und der Gedanke verschwand.

* Name von der Redaktion geändert

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Über den Autor

Marc Lang

Marc Lang ist selbstständiger Programmierer aus dem schwäbisch-bayerischen Günzburg. Er ist bekannt für seine Blindschachveranstaltungen und hielt bis Dezember 2016 den Weltrekord im Blindsimultan gegen 46 Gegner, aufgestellt 2011 in Sontheim/Brenz. Wenn Sie Fehler auf dieser Webseite finden, stammen sie zu 90% von ihm.

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