London Chess Classic Backstage(1) - gefangen zwischen Kabeln und Schildern

Erstellt am: 04.12.2015

Ein großes Schachturnier Backstage, das ist vor allem zunächst einmal eines: Jede. Menge. Kabel. Videokabel, LAN-Kabel, DGT-Verbindungskabel, SDI-Videokabel, HDMI-Kabel und, ganz besonders, Strom- und Verlängerungskabel. Diese waren v.a. am Ende der gestrigen Aufbauphase so rar geworden, dass sich der umtriebige Chef des Kensington Olympia Center Teams bereits laut darüber Gedanken machte, einen schwunghaften Handel mit diesem begehrten Gut zu eröffnen.

Zumal dieses Mal neben dem deutschen Anbieter Chess24, der mich als helfende Hand für den Maestro der Videotechnik, Macauley Peterson gebucht hatte, auch die Amerikaner ein Team nach Europa schickten. Kevin und Markus sind zusammen mit der Kommentatorin und WIM Jennifer Shahade vor Ort. Es ist absolut bewundernswert, wie die Jungs mit diesen Unmengen an Kameras, Adaptern, Konvertern, Laptops und - natürlich - Kabeln klar kommen, ohne dabei auch nur ein einziges Mal die Übersicht zu verlieren.

Kevin und Markus von "Spectrum Studios", einem Multimediaunternehmen mit Sitz in St. Louis, das dem Sohn von Rex Sinquefield gehört

Spectrum Studios stellt dieses Jahr auch die meisten der vor Ort im Einsatz befindlichen Kameras; einzige Ausnahme ist meine eigene, kleine schwenk- und fernsteuerbare Sony, die jedoch, gebraucht gekauft und mit 4 Jahren bereits hochbetagt, zwischen all der amerikanischen High-Tech ziemlich altbacken wirkt. Immerhin: Dadurch, dass meine eigene Ausstattung sehr überschaubar ist, muss ich hinterher nicht den Backstagebereich aufräumen. Kommt man dem nicht hinreichend nach, droht ein Bußgeld, wie ein dort angebrachtes Schild in typisch englischem Understatement deutlich macht.

Während in Deutschland auf Verbotsschildern meist nur Drohungen ausgestoßen werden, haben die Briten ein anderes Konzept: Hier warnt eine "Höfliche Notiz" davor, dass ein "Versagen beim Aufräumen" eine Strafgebühr nach sich zieht

Überhaupt scheinen die Briten eine große Schwäche für Schilder und Beschriftungen zu haben. Viele davon sind sinnvoll - beispielsweise haben mir die an fast jeder Bordsteinkante der viel befahrenen Straßen Londons angebrachten Beschriftungen schon mehrfach das Leben gerettet. Dort steht nämlich in großen weißen Buchstaben, in welche Richtung man blicken muss, um die gerade auf einen zurasenden Autos noch rechtzeitig wahrzunehmen. Mutet seltsam an, aber wenn man den kontinentalen Rechtsverkehr gewohnt ist, ist ein "Look left" zur rechten Zeit eine wichtige Erinnerung daran, dass in Großbritannien die Autos von der anderen Seite herannahen.

Bei dieser offenkundigen Liebe zum Schild ist es nur logisch, dass diese überall stets sauber und gut lesbar gehalten werden - dass die Briten darauf sehr großen Wert legen, sieht man beispielsweise im British Museum. Dort sind in einigen Schauvitrinen die Beschilderungen nicht mehr ganz in Ordnung: Sie weisen kleine Flecken auf und sind mit Tesafilm repariert. Ehrensache, dass man sich hierfür beim Besucher entschuldigt - natürlich mit einem weiteren Schild, das eine baldige Behebung des Missstandes verspricht. Ich bin überzeugt, dass dem auch tatsächlich schnellstmöglich nachgekommen werden wird. Sehr nett sind auch die Fußgängerampeln mit Countdown,der einem nach einer gewissen Zeit genau anzeigt,wie lange man noch zu leben hat, wenn man nicht schleunigst die Straße räumt.

Eine Fußgängerampel mit Inkrement

Aber zurück zum Turnier. Gespielt wird im so genannten "Kensington Olympia Center", einem großen Veranstaltungsgebäude im Westen Londons. Auffällige Werbung für das wahrscheinlich stärkste Turnier auf englishem Boden habe ich jedoch keine gesehen, abgesehen von zwei (natürlich) Schildern vor dem Eingang. Trotzdem war heute Morgen, als ich etwa 6 Stunden vor dem Startschuss der ersten Runde nichtsahnend aus dem Aufzug stieg, schon in der Vorhalle die Hölle los: Hunderte Schulkinder hatten sich eingefunden, um an einem großen Schülerturnier teilzunehmen oder einfach nur an einem der zahlreichen großen und kleinen Brettern mit den Figuren zu spielen.

Kinder in ihrem Element. Dem Vernehmen nach soll es ab Montag, wenn die Kinder für Wettkämpfe sogar in den großen Haupturniersaal und auf der Bühne spielen dürfen, noch wesentlich turbulenter zugehen.

Etwa 2 Stunden vor dem Beginn der ersten Runde werden erfahrungsgemäß die meisten in die Organisation eingebundenen Personen je nach Veranlagung entweder hektisch, panisch, kopflos oder wenigstens unansprechbar, weshalb ich mich rechtzeitig an meinen kleinen Arbeitsplatz in einer von einem Meer aus Kabeln umfluteten Ecke zurückzog und versuchte, möglichst beschäftigt zu wirken. Tatsächlich hatte ich relativ wenig vorzubereiten; meine Aufgabe vor Ort besteht in erster Linie darin, meine kleine Sony auf der Bühne fernzusteuern und die war schon am Vorabend fertig eingerichtet. Dabei hätte ich die Zeit besser dazu genutzt, mich mit Kaffee und Essen einzudecken, denn nachdem der Startschuss letztlich gefallen war, konnte (und kann) ich den Backstagebereich nicht mehr verlassen, ohne mitten durch die Spieler zu laufen.Dummerweise sind von den 5 Partien auch erst zwei beendet:

Vachier-Lagrave vermochte gegen den überraschenden Schweschnikow-Sizilianer von Weltmeister Magnus Carlsen keinen Vorteil erzielen und zog rechtzeitig die Dauerschach-Notbremse und in Anand - Adams schien mir nie so richtig was los gewesen zu sein. Immerhin verkündet die Chess24-Engine, dass Giri gegen Topalov forciert mattsetzen kann und wenn ich mir durch den Spalt zwischen Leinwand und Bühne die Körperhaltung von Giri ansehe, dann scheint der junge Niederländer im Gegensatz zu mir fürs Erkennen keine Computerhilfe zu benötigen. Da sich inzwischen auch Grischuk aus anfänglich schlechterer Stellung gegen Nakamura irgendwie ins Remis gerettet hat, trennt mich nur noch eine Partie vor dem rettenden Gang zum Buffet.

Gespannt bin ich darauf, ob die Spieler die hinter der Bühne platzierte "Confession Box" regelmäßig aufsuchen werden. Dieser kleine, abgeschirmte Bereich ist mit einem Mikrofon und einer Kamera ausgestattet und ermöglicht es den Spielern, während der Partien hineinzugehen und den Zuschauern etwas über ihre Gedanken zur aktuellen Stellung zu verraten. Auf meine Frage an die Amerikaner, ob die Spieler dazu verpflichtet seien, meinten sie mit einem vielsagenden Lächeln: "No, but it's strongly recommended" (Nein, aber es wird nachdrücklich empfohlen).

Inzwischen scheint auch aus Caruana - Aronian die Luft zu weichen und ein Remis in Reichweite zu sein, womit Giri der erste Tabellenführer wäre. Der Niederländer steht in der Gesamtwertung der Grand Chess Tour mit 13 Punkten nur auf Platz 5, aber sein Abstand auf den führenden Veselin Topalov beträgt gerade einmal 4 Zähler. Morgen kommt es ab 14 Uhr dann zu folgenden Begegnungen:

Anish Giri - Michael Adams
Levon Aronian - Viswanathan Anand
Magnus Carlsen - Fabiano Caruana
Hikaru Nakamura - Maxime Vachier-Lagrave
Veselin Topalov - Alexander Grischuk

Die Übertragung gibt es wie gewohnt mit Video und Live-Kommentaren von Jan Gustafsson und Nigel Davis auf chess24

PGN Download: 
Partie(n) zum Nachspielen: 
[Event "London Chess Classic"]
[Site "chess24.com"]
[Date "2015.12.04"]
[Round "1.1"]
[White "Topalov, Veselin"]
[Black "Giri, Anish"]
[Result "0-1"]
[WhiteElo "2803"]
[BlackElo "2784"]
[PlyCount "80"]
[EventDate "2015.??.??"]
[WhiteTeam "Bulgarien"]
[BlackTeam "Niederlande"]
[WhiteTeamCountry "BUL"]
[BlackTeamCountry "NED"]
[WhiteClock "1:00:44"]
[BlackClock "1:03:19"]

1. d4 Nf6 2. c4 g6 3. g3 c6 4. Bg2 d5 5. Qa4 Nfd7 6. cxd5 Nb6 7. Qd1 cxd5 8.
Nc3 Nc6 9. e3 Bg7 10. Nge2 O-O 11. O-O Re8 12. b3 e5 13. dxe5 Nxe5 14. h3 Bf5
15. Nd4 Bd3 16. Re1 Ba6 17. Qd2 Nd3 18. Rd1 Bxd4 19. exd4 Qf6 20. a4 Qxd4 21.
a5 Nd7 22. Ra4 Qe5 23. Nxd5 Nxc1 24. Rxc1 Nf6 25. Nc7 Rad8 26. Qf4 g5 27. Qb4
Qb2 28. Raa1 Re2 29. Qc5 h6 30. Nxa6 bxa6 31. Rab1 Qd2 32. Bf3 Ne4 33. Qxa7
Nxf2 34. Bxe2 Nxh3+ 35. Kf1 Qd5 36. Bh5 Qh1+ 37. Ke2 Qg2+ 38. Ke1 Re8+ 39. Kd1
Nf2+ 40. Kc2 Ne4+ 0-1

[Event "London Chess Classic"]
[Site "chess24.com"]
[Date "2015.12.04"]
[Round "1.2"]
[White "Anand, Viswanathan"]
[Black "Adams, Michael"]
[Result "1/2-1/2"]
[WhiteElo "2796"]
[BlackElo "2737"]
[PlyCount "64"]
[EventDate "2015.??.??"]
[WhiteTeam "Indien"]
[BlackTeam "England"]
[WhiteTeamCountry "IND"]
[BlackTeamCountry "ENG"]
[WhiteClock "0:32:50"]
[BlackClock "0:19:27"]

1. c4 e5 2. g3 Nf6 3. Bg2 d5 4. cxd5 Nxd5 5. Nc3 Nb6 6. Nf3 Nc6 7. O-O Be7 8.
d3 O-O 9. Be3 Re8 10. Rc1 Bf8 11. Ne4 Nd4 12. Qd2 a5 13. Nc5 Nxf3+ 14. Bxf3 Nd5
15. a3 b6 16. Na4 Bb7 17. Rfe1 Rb8 18. Bg2 Qd7 19. Nc3 Nxe3 20. Qxe3 Bc5 21.
Qg5 h6 22. Qh5 Bxg2 23. Kxg2 Bd4 24. Rc2 Bxc3 25. Rxc3 c5 26. Rec1 Qb5 27. R1c2
Rbd8 28. Qf3 g6 29. Qb7 Rb8 30. Qd5 Rbd8 31. Qb7 Rb8 32. Qd5 Rbd8 1/2-1/2

[Event "London Chess Classic"]
[Site "chess24.com"]
[Date "2015.12.04"]
[Round "1.3"]
[White "Caruana, Fabiano"]
[Black "Aronian, Levon"]
[Result "1/2-1/2"]
[WhiteElo "2787"]
[BlackElo "2788"]
[PlyCount "101"]
[EventDate "2015.??.??"]
[WhiteTeam "Vereinigte Staaten"]
[BlackTeam "Armenien"]
[WhiteTeamCountry "USA"]
[BlackTeamCountry "ARM"]
[WhiteClock "0:59:23"]
[BlackClock "1:03:03"]

1. e4 e5 2. Nf3 Nc6 3. Bb5 a6 4. Ba4 Nf6 5. O-O Be7 6. d3 b5 7. Bb3 O-O 8. Nc3
d6 9. a3 Na5 10. Ba2 Be6 11. d4 Bxa2 12. Rxa2 Nc6 13. d5 Nb8 14. Be3 Qc8 15.
Qe2 Nbd7 16. Rd1 Qb7 17. Raa1 Rfc8 18. h3 Rab8 19. Nh2 h5 20. Nf3 Nb6 21. Bg5
g6 22. Na2 c6 23. dxc6 Rxc6 24. Bxf6 Bxf6 25. Nb4 Rc4 26. Nd5 Be7 27. Nxb6 Qxb6
28. c3 a5 29. Rd5 Rc5 30. Rad1 b4 31. Rxc5 Qxc5 32. Rd5 Qa7 33. axb4 axb4 34.
c4 Rc8 35. b3 Rc5 36. Rxc5 Qxc5 37. g3 Bd8 38. Qd2 Bb6 39. Kg2 Kg7 40. Ne1 Qc7
41. Nc2 Bc5 42. Ne3 Bxe3 43. Qxe3 Qc6 44. g4 hxg4 45. hxg4 Qc8 46. Kg3 Qc5 47.
Qxc5 dxc5 48. g5 Kf8 49. f4 Ke7 50. f5 Kd6 51. f6 1/2-1/2

[Event "London Chess Classic"]
[Site "chess24.com"]
[Date "2015.12.04"]
[Round "1.4"]
[White "Vachier-Lagrave, Maxime"]
[Black "Carlsen, Magnus"]
[Result "1/2-1/2"]
[WhiteElo "2773"]
[BlackElo "2834"]
[PlyCount "56"]
[EventDate "2015.??.??"]
[WhiteTeam "Frankreich"]
[BlackTeam "Norwegen"]
[WhiteTeamCountry "FRA"]
[BlackTeamCountry "NOR"]
[WhiteClock "1:03:14"]
[BlackClock "0:59:43"]

1. e4 c5 2. Nf3 Nc6 3. d4 cxd4 4. Nxd4 Nf6 5. Nc3 e5 6. Ndb5 d6 7. Bg5 a6 8.
Na3 b5 9. Nd5 Be7 10. Bxf6 Bxf6 11. c3 O-O 12. Nc2 Rb8 13. a4 bxa4 14. Ncb4
Nxb4 15. cxb4 Bb7 16. Rxa4 Qc8 17. Nxf6+ gxf6 18. Bd3 Bc6 19. Rxa6 Rxb4 20. O-O
Rd4 21. Qf3 Bxe4 22. Bxe4 Qxa6 23. Qg4+ Kh8 24. Qf5 Rxe4 25. Qxf6+ Kg8 26. Qg5+
Kh8 27. Qf6+ Kg8 28. Qg5+ Kh8 1/2-1/2

[Event "London Chess Classic"]
[Site "chess24.com"]
[Date "2015.12.04"]
[Round "1.5"]
[White "Grischuk, Alexander"]
[Black "Nakamura, Hikaru"]
[Result "1/2-1/2"]
[WhiteElo "2747"]
[BlackElo "2793"]
[PlyCount "76"]
[EventDate "2015.??.??"]
[WhiteTeam "Russland"]
[BlackTeam "Vereinigte Staaten"]
[WhiteTeamCountry "RUS"]
[BlackTeamCountry "USA"]
[WhiteClock "0:04:54"]
[BlackClock "0:00:10"]

1. e4 e5 2. Nf3 Nc6 3. Bb5 Nf6 4. O-O Nxe4 5. d4 Nd6 6. Bxc6 dxc6 7. dxe5 Nf5
8. Qxd8+ Kxd8 9. h3 Ke8 10. Nc3 Be6 11. g4 Ne7 12. Nd4 Bd7 13. Kh2 c5 14. Ndb5
Kd8 15. Be3 a6 16. Na3 b6 17. Ne4 h5 18. Kg3 hxg4 19. hxg4 Bc6 20. Ng5 Ke8 21.
f4 f5 22. Rad1 g6 23. Ne6 fxg4 24. Nxc7+ Kf7 25. e6+ Kg8 26. Kxg4 Ra7 27. Rd7
Nf5 28. Bf2 Nh6+ 29. Kg3 Nf5+ 30. Kg4 Be7 31. Rfd1 Nh6+ 32. Kg3 Nf5+ 33. Kg4
Nh6+ 34. Kg3 Rh7 35. Nc4 Nf5+ 36. Kg4 Nh6+ 37. Kg3 Nf5+ 38. Kg4 Nh6+ 1/2-1/2


Über den Autor

Marc Lang

Marc Lang ist selbstständiger Programmierer aus dem schwäbisch-bayerischen Günzburg. Er ist bekannt für seine Blindschachveranstaltungen und hielt bis Dezember 2016 den Weltrekord im Blindsimultan gegen 46 Gegner, aufgestellt 2011 in Sontheim/Brenz. Wenn Sie Fehler auf dieser Webseite finden, stammen sie zu 90% von ihm.

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