Matchball

Erstellt am: 03.05.2016

In der letzten Runde der Saison 2015/16 besaß Jan Michael Sprenger von den Schachfreunden Berlin die große Chance mit einem Sieg eine GM-Norm zu erzielen. Die erste Hälfte der Partie gegen Jonathan Carlstedt spielte er groß auf, bevor er völlig die Kontrolle verlor und eine bittere Niederlage kassierte. Der Doktor der Philosophie machte sich so einige Gedanken, die er in einer sehr ausführlichen Analyse für die Leser der Schachbundesliga darlegt. Prädikat sehr wertvoll.

 

 

 

Häufig liest man in der Zeitung, dass ein Tennisspieler ein Spiel nach mehreren vergebenen Matchbällen noch verloren hat. Es scheint besonders schwierig zu sein, jene entscheidenden Punkte zu machen. Schwer erklärliche Fehler schleichen sich ein: einfache Vorhand landet im Netz oder weit außerhalb des Spielfelds. Ähnlich verhält es sich beim Schach, wo Entscheidungspartien ihre eigene Dynamik haben und die Protagonisten häufig unter ihrer Spielstärke agieren. Als Beispiel mag mein eigener erster Matchball für eine IM-Norm dienen:


Sprenger,Jan Michael (2256) - Ivanov,Mikhail M (2465)
16. Open Bad Woerishofen (9), 25.03.2000


Stellung nach 12...Tfc8:

Hier spielte ich 13. a3??. Als ob dieser Zug aus rein positionellen Erwägungen nicht schlecht genug wäre, verliert er auch noch ersatzlos einen Bauern: 13. ...Sxd4 14. Lxd4 Txc4 und Schwarz gewann leicht.


Selbst für einen 17-jährigen Frischling eine eher peinliche Vorstellung. Auch im weiteren Verlauf meiner Schachkarriere (wenn dieser Ausdruck angemessen ist) habe ich nicht gelernt, mit solchen Situationen gut umzugehen und in der letzten Runde meistens schlecht gespielt, wenn etwas auf dem Spiel stand. Häufig kämpft man in solchen Partien mehr gegen die eigene Psyche als gegen den Gegner. Natürlich soll man sich auf das Fabrizieren guter Züge konzentrieren, nicht auf die Folgen von Gewinn oder Niederlage. Aber das ist leichter gesagt als getan.


Ich erinnere mich auch an einen talentierten französischen Jugendspieler, Elo 2100, dem nach absolut brillantem Turnier auf IM-Norm-Kurs lag. In der letzten Runde benötigte er noch einen Sieg gegen einen älteren Herrn mit Elo 1750. Mit den weißen Figuren spielend stand er schnell auf Gewinn. Ergebnis der Partie (ohne groben Figureneinsteller o.ä.): 0-1. Ich habe viel Enttäuschung nach Letztrundendramen erlebt, aber kaum eine, der so viel Schmerz und Fassungslosigkeit ins Gesicht geschrieben stand.


In dieser Bundesligasaison sah es lange Zeit nicht so aus, als ob ich überhaupt einen Matchball erhalten würde. Nach einem unglücklichen Start mit vielen vergebenen Chancen kam ich erst spät in Fahrt. Dann aber purzelten die Punkte und zum ersten Mal seit 10 Jahren servierte ich in der 15. und letzten Runde für eine GM-Norm. Weiß gegen Jonathan Carlstedt war eine lösbare, wenn auch keine einfache Aufgabe.


Die folgenden Kommentare sind basiert auf der Analyse mit meinem Gegner nach der Partie, Diskussionen und Gesprächen mit Martin Krämer, Krysztof Jakubowski und Daniele Vocaturo, und den Vorschlägen meines elektronischen Souffleurs Komodo 9. Die Analyse ist bewusst oberflächlich gehalten; die Kommentare zielen eher darauf ab, den Partieverlauf im Lichte der inneren Verfasstheit des Weißspielers zu erklären. Der Leser wird vielleicht seine eigenen Entscheidungsmuster in vergleichbaren Situationen wiedererkennen


Sprenger,Jan Michael (2506) - Carlstedt,Jonathan (2459) [C78]
SBL 1516 Hamburger SK - SF Berlin (15), 24.04.2016


1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 a6 4.La4 Sf6 5.0-0 Lc5 6.c3 b5 7.Lb3 d6 8.d4 Lb6 Hier ärgerte ich mich bereits über mich selbst: die gebräuchliche Reihenfolge ist erst 8. a4 Tb8 und dann 9. d4, aber ich hatte 8. d4 schnell und gedankenlos ausgeführt. Nun musste ich nach 9. a4 auch mit 9. ...Lg4 rechnen. In der Tat: 9.a4 Lg4

Wie weiter? Ich kannte die Theorie nicht und war auf mich selbst gestellt. Nach längerem Nachdenken fand ich die korrekte Lösung des Stellungsproblems, die auf der unglücklichen Stellung der schwarzen Dame basiert. 10.axb5! axb5 11.Txa8 Dxa8 12.h3! Lh5 Es dauerte nun lange, bis ich begriffen hatte, dass 13. d5 Se7 nichts einbringt-Schwarz erhält Gegenspiel mit c7-c6-und ich die Spannung besser aufrechterhalten konnte. Die Idee von 10. ab5: in Verbindung mit 12. h3 ist, dass Weiß nach 12...Lxf3 13.Dxf3 exd4 14.e5 dxe5 15.Lg5 gefährlichen Angriff erhält. Ich berechnete 15...e4 (was sonst?) 16.Df5! (stärker als das ebenfalls interessante Df4) 16...Se7 17.Dxb5+ Dc6 18.Dxc6+! Sxc6 19.La4 Kd7 20.Lxf6 (20.cxd4! ist noch stärker.) 20...gxf6 21.cxd4 Ta8 22.Sc3 mit gefährlicher Initative. Das Schlagen auf f6 eilt nicht. Carlstedt ließ sich hierauf zu Recht nicht ein und spielte 13.Te1 Dc8?

Schwarz fürchtete nach 13. ...0-0 den Ausfall 14. Lg5, was mit der Dame auf c8 an 14. ...ed4: scheitert, aber er kann sich keinen Zeitverlust leisten. 14.Dd3! Erneut ist die konkrete Lösung der beste Zug. 14...0-0 Schwarz kann den Bauern nicht gut decken, und auf 14...Lxf3 folgt 15.Dxb5! 0-0 16.Dxc6 mit großem weißen Vorteil. 15.Dxb5 Db7 16.La4 Se7 17.Sbd2 17.dxe5 war etwas genauer, aber aufgrund meines hohen Zeitverbrauchs traf ich eine schnelle und pragmatische Wahl. Der Zug ist übrigens alles andere als schlecht. 17...Ta8 18.Sc4! Lxf3 19.gxf3

19...Dc8? Hiernach dürfte die schwarze Stellung bereits verloren sein. Besser war 19...exd4 20.cxd4 und jetzt erst 20...Dc8! mit der Idee 21.Sxb6 cxb6 22.Kg2 Ta5! und der Turm schaltet sich via h5 in den Angriff ein.Weiß muss dann 21. e5!± finden; wenn der Springer auf f6 zieht, kann Dd7 erfolgen. 20.dxe5! Ein wichtiger Zwischenzug. 20...dxe5 21.Sxb6 cxb6 22.Kh2 Sg6

23.Td1! Die meisten Spieler hätten hier wohl 23.Dc6 Die Damen werden getauscht und Weiß sollte das Endspiel nach 23...Dxc6 24.Lxc6 Ta1 25.Ld2 Ta2 26.Tb1 über kurz oder lang gewinnen, wenngleich die Aufgabe noch nicht gänzlich trivial ist: Schwarz kann mit Sh5 und Sh4 etwas Störfeuer entwickeln. Ich habe das trotz heranziehender Zeitnot nicht einmal erwogen: das schwarze Gegenspiel ist langsam und es erscheint natürlich erst die offene Linie mit dem Turm zu besetzen, bevor man die Ereignisse forciert. In der Tat dürfte 23. Td1 der sauberste Weg zum Gewinn sein. Es ist allerdings kein pragmatischer Zug.


23...Sh4 Wie soll Weiß nun den Bauern decken? 24.Td3? Ursprünglich hatte ich 24.Kg3 geplant. Wenn sich der Springer zurückzieht, ist 25. Dc6 sehr stark, und nach 24...Sxf3 (24...Sh5+ 25.Kxh4 wird auch kein Matt.) 25.Kxf3 (Noch stärker ist 25. Dc6!; diesen Zug sah ich allerdings nicht.) 25...Dxh3+ 26.Ke2 hat Schwarz trotz der luftigen Stellung des weißen Königs nur ein paar Schachs. Ich sah eigentlich nicht, was Schwarz überhaupt spielen würde. Dann aber fragte ich mich, ob es nötig sei, den König auf ein so exponiertes Feld zu stellen. Zwar wusste ich nicht, wie Schwarz diesen Zug widerlegen sollte, aber vielleicht hatte ich etwas übersehen? War in so einer guten Stellung nicht jedes Risiko unnötig? Wäre es nicht besser, einfach die Kontrolle zu behalten? In der Illusion, sowieso haushoch auf Gewinn zu stehen, erlag ich diesem Sirenengesang und spielte das inkonsequente 24.Td3?, das den Turm an die Verteidigung des Bauern auf f3 kettet.


Ab diesem Punkt kommt ein Bruch ins weiße Spiel. Wenn man mit etwas Abstand die beiden Hälften der Partie, vor und nach dem 24. Zug, nebeneinanderhält, so drängt sich der Eindruck auf, dass verschiedene Spieler am Werk waren. Weiß spielt in der ersten Partiehälfte energisch, prinzipiell und inspiriert, und seine Entscheidungen sind durch korrekte Berechnungen gestützt. Es erscheint, dass ein starker Großmeister die Figuren führt. Ab 24. Td3? jedoch ist das Spiel des Weißen eher auf Kreis- als Bundesliganiveau: verteidigende und angreifende Züge wechseln auf inkonsistente Weise ab, das Stellungsurteil verliert jegliche Objektivität und Weiß unterlaufen taktische Übersehen, die normalerweise für eine ganze Saison ausreichen. 24...h6

Hier erkannte ich, dass 25. Dc6 Dc6:26. Lc6: Ta1 alles andere als klar ist; Schwarz erhält reichliches Gegenspiel. Zum Beispiel 27. Le3 Sf3:+ 28. Kg3 Se1 29. Td8+ Kh7 30. Lb6: Sh5+ und der weiße König wird ins Freie gezogen, während die Läufer nur passiv zuschauen. Ich suchte daher einen Weg um die Initative wieder an mich zu reißen. In diesem Moment erinnerte ich mich an die Partie Bronstein-Simagin (Halbfinale zur UdSSR-Meisterschaft 1947), die ich ein paar Tage vorher nachgespielt hatte. Bronstein gewann nach einem ebenso geistreichen wie spekulativen Figurenopfer. Als mir diese Partie wieder vor Augen kam, riss mich meine Neigung fort und war es um mein Stellungsurteil geschehen: ich wollte dem künstlerisch-irrationalen Stil meiner Helden Bronstein, Tal und Neschmetdinow nacheifern, eine Bresche in die schwarze Königsstellung schlagen und mich in einen offenen Schlagabtausch stürzen. Dabei wäre in dieser Stellung ein ruhiger Verteidigungszug (25. Ld1!±) angebracht gewesen. Zu dieser inneren Umstellung war ich aber nicht bereit.


Hier tritt ein interessanter innerer Konflikt zutage. Einer der Gründe, warum ich seit ca. zwei Jahren wieder mehr Schach spiele und auch meine Resultate besser geworden sind, ist, dass mein Zugang zum Spiel künstlerischer geworden ist. Ich habe den Geschmack der Initiative erneut zu schätzen gelernt habe und lasse mich leichter auf scharfe und unkontrollierbare Stellungen ein. Unabhängig vo Wert eines Zuges ist es einfach ein großes Vergnügen, eine Figur in die gegnerische Stellung zu pfeffern und aus den Konventionen des positionellen, kleine Vorteile ansammelden Schachs auszubrechen. Meistens spiele ich solche Stellungen auch recht gut. Gerade in einem Moment, in dem ich spürte, dass etwas schiefgelaufen war (24. Td3?) und mein Vorteil kleiner war als gedacht, suchte ich intuitiv den Stellungstyp, in dem ich mich wohl fühlte---selbst wenn diese Entscheidung objektiv nicht zu rechtfertigen war.


Den nachfolgenden Einschlag auf h6 habe ich eigentlich nicht ernsthaft geprüft: ich wollte, dass das Opfer funktioniert und habe meine Berechnungen und Kandidatenzüge für Schwarz dieser Schlussfolgerung angepasst. Im Ergebnis habe ich viele Varianten in die Tiefe berechnet, die meisten sogar korrekt, aber übersah ich eine sehr einfache Widerlegung.


Natürlich spielte auch schlechte Zeiteinteilung eine Rolle. Perfektionismus und die Angst Fehler zu machen hatten dazu geführt, dass ich hier nur über wenig mehr als 10 Minuten verfügte. Unter dem Druck der Uhr brachte ich keine Disziplin auf, um Züge vor der Ausführung abschließend zu prüfen und die Stellung noch einmal mit frischem Blick zu betrachten. Grobe Einsteller waren die logische Folge.


25.Dxb6? Sxf3+ 26.Txf3 Txa4 27.Lxh6?? Schnell ausgeführt; dieser Zug war nämlich die Idee von 25. Dxb6. 27...Ta6! Weiß verliert eine Figur. Nach 27...Sxe4 wollte ich mit 28.Db3 oder 28.Db5 fortsetzen und auf 27...Sd7 folgt 28.Dd6 gxh6 29.De7! mit durchschlagendem Angriff. Eine hübsche Idee, allerdings hatte ich den einfachen Textzug übersehen. 28.Db3?! Ein Fehler (besser ist 28. Db5), aber er mag dem Schock nach 27. ...Ta6 geschuldet sein. Jedenfalls begriff ich, dass ich die Stellung vergeigt hatte und es nun aufs pure Überleben ankam. Es glückte mir in der Folge mich zu sammeln, den Zwang zu gewinnen auszublenden und eine Reihe sinnvoller Züge aufs Brett zu stellen. 28...gxh6 29.Tg3+ Kf8 30.Db4+ Ke8 31.Db5+ Ke7 32.Dxe5+ Te6 33.Df4

33...Txe4? Es ist schwer erklärlich, warum Schwarz einen dritten Bauern gibt. Nach 33...Sxe4 hat Weiß einen schweren Stand. 34.Dxh6 Dc5 35.Dd2!? Ich erwog 35.Te3 Txe3 36.Dxe3+ Dxe3 37.fxe3 Sd5 38.Kg3 Sxe3 39.Kf3 mit wahrscheinlichem Remis; aber zum einen ist das nicht völlig klar und zum anderen bietet diese Variante keine Gewinnchancen. Also zurück mit der Dame. 35...De5 36.Kg2

Die Stellung ist nun wieder unklar. Es ist schwer vorstellbar, wie Weiß jemals gewinnen kann, aber immerhin war ich zurück in der Partie. Allerdings übernahmen hier, durch starke Zeitnot begünstigt, wieder meine Emotionen das Ruder und fühlte ich mich verplichtet, koste was es wolle auf Gewinn zu spielen. 36...Te2? Der Scheitelpunkt der Partie ist erreicht. Was soll Weiß nun spielen? Mein erster Impuls war 37. Te3. Nach 37. ...Td2:38. Te5:+ Kd6 39. Tb5 Se4 folgt 40. Kf3 Sf2:41. Ke3. Nun ist 41. ... Tb2:42. Tb2: Sd1+ 43. Kd4 Sb2:44. h4 remis, und auf 41. ...Tc2 plante ich 42. Tf5 mit Gewinn des Bauern f7. (Dies ist übrigens nicht korrekt; Schwarz verfügt über 42. ...Sd1+ 43. Kd3 Tf2 44. Ke4 Ke6 mit wahrscheinlichem Gewinn. Allerdings hält 41. h4! studienartig remis.)


Da diese Variante 0,00% Gewinnchancen bietet, verwarf ich sie umgehend. Was sind die Alternativen? 37. De3!?? ergriff meine Aufmerksamkeit. Nach 37. ...Te3:38. Te3: De3: (oder Kd6) 39. fe3: spielt nur Weiß auf Gewinn. Leider scheitert dieser phantastische Zug an 38. ...Se4. Also musste ein anderer Damenzug her. Mit 20 Sekunden auf der Uhr spielte ich letztendlich 37.Dd3??


Wie der Leser bemerkt haben wird, lässt sich die Idee von 37. De3 viel einfacher umsetzen: 37.Dxe2! Dxe2 38.Te3+ Dxe3 39.fxe3 und Schwarz steht ein schwerer Kampf ums Remis bevor. Die Freibauern stellen den Springer vor große Herausforderungen. Später stellte ich mit Computerunterstüzung fest, dass die ganze Sache nicht so klar ist: Schwarz hat im entstehenden Endspiel verschiedene Verteidungspläne, meistens basiert auf direkter Aktivierung des Springers und Gewinn eines Bauerns. Zum Beispiel 39...Se4 40.Kf3 Sc5! und ein Bauer am Damenflügel geht verloren, z.B. 41.b4 Sa4 42.c4 Sb2 43.c5 Sd3 Der Computer hält die Stellung mühelos remis. Ob es Jonathan Carlstedt in der Partie geglückt wäre, ist eine andere Frage; schlecht wären seine Chancen jedenfalls nicht gewesen.


Wie kann so ein Übersehen zustandekommen? Weiß sieht den phantasievollen Zug 37. De3, aber vernachlässigt das einfache Schlagen auf e2, das dieselbe Idee viel einfacher verwirklicht. Schlagmöglichkeiten und Schachgebote zuerst prüfen! Natürlich hätte ich den Zug binnen Sekunden gefunden, wenn die Stellung mir als Aufgabe vorgelegt worden wäre. Woher dann das Versagen am Brett? Daniele Vocaturo meinte, dass ich in dieser Phase jegliche Objektivität verloren hätte; anstelle des Findens guter Züge war auf einmal das Abwenden remislicher Varianten das dominante Ziel geworden. Keine Einstellung, die den Blick auf die Stellung schärft. Die Zeitnot tat ein übriges. Weitere Anzeichen dafür, dass der Entscheidungsprozess vollends entgleist war, waren das relativ tiefe Rechnen mancher Varianten (37. Te3) verbunden mit der Unfähigkeit, unvoreingenommen auf die Stellung zu schauen und einfache Züge zu finden. Ein Bild, das sich bereits im 25. Zug gezeigt hatte (25. Db6: vs. 25. Ld1). Einmal mehr hatte ich mich impulsiv für einen Zug entschieden und meine Stellung damit ruiniert.


In gewisser Weise war 37. Dd3 nur konsequent: ich folgte meiner eigenen, vor der Partie ausgegeben Devise, dass diese Partie nur dann Remis enden würde, wenn alle Gewinnmöglichkeiten, und seien sie noch so weit hergeholt, erschöpft seien. Dieser Weg führte hier direkt in den Abgrund. Wie es häufiger vorkommt, wenn das Wollen das Denken ersetzt.


37...Sd5!?

Stark war auch 37. ...De4+. Nach 38. De4: Se4: fällt ein weißer Bauer: 39. Te3 Tf2:+ 40. Kg1 Tf4 bietet Schwarz exzellente Gewinnaussichten.


Anders als 37. ...De4+ hatte ich 37. ...Sd5 kommen sehen, aber als der Zug auf dem Brett stand, hatte ich vergessen, dass ich ihn mit 38. Tf3 beantworten wollte. Die Pointe ist, dass Schwarz nach 38. ...Tb2:39. c4! Probleme hat, seine Figuren zu koordinieren. 39. ...Sf4+ scheitert an 40. Tf4:! Df4:41. Da3+ mit Turmgewinn. Natürlich steht Schwarz nach 39. ...Sb4 40. Da3 oder 39. ... Dg5+ 40. Kh2 besser, aber Weiß behält praktische Chancen. In Panik (ich lebte nun von meinem 30-Sekunden-Bonus) vergaß ich diese Variante aber, blockierte total und wählte mit wenigen Sekunden auf der Uhr eine völlig hoffnungslose Fortsetzung.


38. Dd4?? Dxd4 39.cxd4 Txb2 40.Kf3?! f5! Diese Stellung ist einfach verloren. Ein typischer Fall, wo in alten Büchern steht: “Die Abbruchstellung. Weiß gab die Partie ohne Wiederaufnahme verloren.” Da es keine Hängepartien mehr gibt, schleppte ich das Elend noch ein paar Züge hin, aber ich erspare dem Leser die Details. Schwarz gewann sicher nach 57 Zügen.

Jan Michael Sprenger | Archivbild: Georgios Souleidis
Jan Michael Sprenger | Archivbild: Georgios Souleidis

Die Enttäuschung nach der Partie war natürlich groß. Vor allem war ich entsetzt über die vergebene Chance 37. De2:!, die mir zu diesem Zeitpunkt wie der unmittelbare K.O.-Schlag erschien. Bilder von Stürmern, die den Ball neben das leere Tor setzen, zogen vor meinem inneren Auge vorbei. Einmal mehr hatte ich erlebt, wie schnell man die Arbeit einer ganzen Saison durch fehlende Selbstkontrolle zerstören kann.


Es war eine gewisse Erleichterung festzustellen, dass die Stellung trotz praktischer Siegchancen danach noch in der Remisbreite lag. Ebenfalls erleichternd war es zu hören, dass die Mannschaft dennoch 4,5-3,5 gewinnen und den fünften Platz sichern würde. Mein disziplin- und rücksichtsloses Spiel auf Gewinn hatte zumindest nicht das Rekordergebnis der Schachfreunde verdorben.


Die Achterbahnfahrt dieses Wochenendes, das famos begann und für das Team (wenn auch nicht für mich) auch famos endete, hatte mich ordentlich mitgenommen. Ich ging davon aus, dass ich eine furchtbare Partie gespielt hatte, aber das Urteil der elektronischen Chips, die ich auf der Rückfahrt nach Berlin befragte, ließ mein Spiel in milderem Licht erscheinen---jedenfalls bis zu den fatalen Entscheidungen 24. Td3?, 25. Db6:? und 27. Lh6:??.


Abends in Berlin ließen Daniele Vocaturo und ich die Ereignisse noch einmal Revue passieren. Wie sollte man die Erfahrung dieser Partie letztendlich bewerten? Als mentales Versagen? Als Lehrbeispiel für fehlende innere Disziplin? Als Menetekel für den nächsten Matchball? Daniele beurteilte die Dinge optimistischer.


“Your calculation and judgment in the first half of the game were really great. Even if you blundered later, you have something to be proud of. You really tried.

” “The word trying smells a bit of failure. It is not enough. You have to do it as well.”

“I think you did it today, even if the result does not reflect this.”

“Perhaps. At least I played fearlessly. And in spite of all disappointment, it was a fascinating experience. It helped me to see the person I am.”
 

PGN Download: 
Partie(n) zum Nachspielen: 
[Event "Hamburger SK - SF Berlin"]
[Site "SBL"]
[Date "2016.04.24"]
[Round "15"]
[White "Sprenger, Jan Michael"]
[Black "Carlstedt, Jonathan"]
[Result "0-1"]
[ECO "C78"]
[WhiteElo "2506"]
[BlackElo "2459"]
[PlyCount "80"]
[EventDate "2016.??.??"]

1. e4 e5 2. Nf3 Nc6 3. Bb5 a6 4. Ba4 Nf6 5. O-O Bc5 6. c3 b5 7. Bb3 d6 8. d4
Bb6 {Hier ärgerte ich mich bereits über mich selbst: die gebräuchliche
Reihenfolge ist erst 8. a4 Tb8 und dann 9. d4, aber ich hatte 8. d4 schnell
und gedankenlos ausgeführt. Nun musste ich nach 9. a4 auch mit 9. ...Lg4
rechnen. In der Tat:} 9. a4 Bg4 {Wie weiter? Ich kannte die Theorie nicht und
war auf mich selbst gestellt. Nach längerem Nachdenken fand ich die korrekte
Lösung des Stellungsproblems, die auf der unglücklichen Stellung der
schwarzen Dame basiert.} 10. axb5 $1 axb5 11. Rxa8 Qxa8 12. h3 $1 Bh5 {Es
dauerte nun lange, bis ich begriffen hatte, dass 13. d5 Se7 nichts
einbringt-Schwarz erhält Gegenspiel mit c7-c6-und ich die Spannung besser
aufrechterhalten konnte.} ({Die Idee von 10. ab5: in Verbindung mit 12. h3 ist,
dass Weiß nach} 12... Bxf3 13. Qxf3 exd4 14. e5 dxe5 15. Bg5 {gefährlichen
Angriff erhält. Ich berechnete} e4 {(was sonst?)} 16. Qf5 $1 {(stärker als
das ebenfalls interessante Df4)} Ne7 17. Qxb5+ Qc6 18. Qxc6+ $1 Nxc6 19. Ba4
Kd7 20. Bxf6 (20. cxd4 $1 {ist noch stärker.}) 20... gxf6 21. cxd4 Ra8 22. Nc3
{mit gefährlicher Initative. Das Schlagen auf f6 eilt nicht. Carlstedt ließ
sich hierauf zu Recht nicht ein und spielte}) 13. Re1 Qc8 $2 {Schwarz
fürchtete nach 13. ...0-0 den Ausfall 14. Lg5, was mit der Dame auf c8 an 14.
...ed4: scheitert, aber er kann sich keinen Zeitverlust leisten.} 14. Qd3 $1 {
Erneut ist die konkrete Lösung der beste Zug. Schwarz kann den Bauern nicht
gut decken.} O-O ({Erneut ist die konkrete Lösung der beste Zug. Schwarz kann
den Bauern nicht gut decken, und auf} 14... Bxf3 {folgt} 15. Qxb5 $1 O-O 16.
Qxc6 {mit großem weißen Vorteil.}) 15. Qxb5 Qb7 16. Ba4 Ne7 17. Nbd2 (17.
dxe5 {war etwas genauer, aber aufgrund meines hohen Zeitverbrauchs traf ich
eine schnelle und pragmatische Wahl. Der Zug ist übrigens alles andere als
schlecht.}) 17... Ra8 18. Nc4 $1 Bxf3 19. gxf3 Qc8 $2 ({Hiernach dürfte die
schwarze Stellung bereits verloren sein. Besser war} 19... exd4 20. cxd4 {
und jetzt erst} Qc8 $1 {mit der Idee} 21. Nxb6 cxb6 22. Kg2 Ra5 $1 {und der
Turm schaltet sich via h5 in den Angriff ein.Weiß muss dann 21. e5!± finden;
wenn der Springer auf f6 zieht, kann Dd7 erfolgen.}) 20. dxe5 $1 {Ein
wichtiger Zwischenzug.} dxe5 21. Nxb6 cxb6 22. Kh2 Ng6 23. Rd1 $1 ({Die
meisten Spieler hätten hier wohl} 23. Qc6 {Die Damen werden getauscht und
Weiß sollte das Endspiel nach} Qxc6 24. Bxc6 Ra1 25. Bd2 Ra2 26. Rb1 {über
kurz oder lang gewinnen, wenngleich die Aufgabe noch nicht gänzlich trivial
ist: Schwarz kann mit Sh5 und Sh4 etwas Störfeuer entwickeln. Ich habe das
trotz heranziehender Zeitnot nicht einmal erwogen: das schwarze Gegenspiel ist
langsam und es erscheint natürlich erst die offene Linie mit dem Turm zu
besetzen, bevor man die Ereignisse forciert. In der Tat dürfte 23. Td1 der
sauberste Weg zum Gewinn sein. Es ist allerdings kein pragmatischer Zug.})
23... Nh4 {Wie soll Weiß nun den Bauern decken?} 24. Rd3 $2 ({Ursprünglich
hatte ich} 24. Kg3 {geplant. Wenn sich der Springer zurückzieht, ist 25. Dc6
sehr stark, und nach} Nxf3 (24... Nh5+ 25. Kxh4 {wird auch kein Matt.}) 25.
Kxf3 {(Noch stärker ist 25. Dc6!; diesen Zug sah ich allerdings nicht.)} Qxh3+
26. Ke2 {hat Schwarz trotz der luftigen Stellung des weißen Königs nur ein
paar Schachs. Ich sah eigentlich nicht, was Schwarz überhaupt spielen würde.
Dann aber fragte ich mich, ob es nötig sei, den König auf ein so exponiertes
Feld zu stellen. Zwar wusste ich nicht, wie Schwarz diesen Zug widerlegen
sollte, aber vielleicht hatte ich etwas übersehen? War in so einer guten
Stellung nicht jedes Risiko unnötig? Wäre es nicht besser, einfach die
Kontrolle zu behalten? In der Illusion, sowieso haushoch auf Gewinn zu stehen,
erlag ich diesem Sirenengesang und spielte das inkonsequente 24.Td3?, das den
Turm an die Verteidigung des Bauern auf f3 kettet. Ab diesem Punkt kommt ein
Bruch ins weiße Spiel. Wenn man mit etwas Abstand die beiden Hälften der
Partie, vor und nach dem 24. Zug, nebeneinanderhält, so drängt sich der
Eindruck auf, dass verschiedene Spieler am Werk waren. Weiß spielt in der
ersten Partiehälfte energisch, prinzipiell und inspiriert, und seine
Entscheidungen sind durch korrekte Berechnungen gestützt. Es erscheint, dass
ein starker Großmeister die Figuren führt. Ab 24. Td3? jedoch ist das Spiel
des Weißen eher auf Kreis- als Bundesliganiveau: verteidigende und
angreifende Züge wechseln auf inkonsistente Weise ab, das Stellungsurteil
verliert jegliche Objektivität und Weiß unterlaufen taktische Übersehen,
die normalerweise für eine ganze Saison ausreichen.}) 24... h6 {Hier erkannte
ich, dass 25. Dc6 Dc6:26. Lc6: Ta1 alles andere als klar ist; Schwarz erhält
reichliches Gegenspiel. Zum Beispiel 27. Le3 Sf3:+ 28. Kg3 Se1 29. Td8+ Kh7 30.
Lb6: Sh5+ und der weiße König wird ins Freie gezogen, während die Läufer
nur passiv zuschauen. Ich suchte daher einen Weg um die Initative wieder an
mich zu reißen. In diesem Moment erinnerte ich mich an die Partie
Bronstein-Simagin, Halbfinale zur UdSSR-Meisterschaft 1947, die ich ein paar
Tage vorher nachgespielt hatte. Bronstein gewann nach einem ebenso
geistreichen wie spekulativen Figurenopfer. [http://www.chessgames.com/perl/
chessgame?gid=1451826] Als mir diese Partie wieder vor Augen kam, riss mich
meine Neigung fort und war es um mein Stellungsurteil geschehen: ich wollte
dem künstlerisch-irrationalen Stil meiner Helden Bronstein, Tal und
Neschmetdinow nacheifern, eine Bresche in die schwarze Königsstellung
schlagen und mich in einen offenen Schlagabtausch stürzen. Dabei wäre in
dieser Stellung ein ruhiger Verteidigungszug (25. Ld1!±) angebracht gewesen.
Zu dieser inneren Umstellung war ich aber nicht bereit. Hier tritt ein
interessanter innerer Konflikt zutage. Einer der Gründe, warum ich seit ca.
zwei Jahren wieder mehr Schach spiele und auch meine Resultate besser geworden
sind, ist, dass mein Zugang zum Spiel künstlerischer geworden ist. Ich habe
den Geschmack der Initiative erneut zu schätzen gelernt habe und lasse mich
leichter auf scharfe und unkontrollierbare Stellungen ein. Unabhängig vo Wert
eines Zuges ist es einfach ein großes Vergnügen, eine Figur in die
gegnerische Stellung zu pfeffern und aus den Konventionen des positionellen,
kleine Vorteile ansammelden Schachs auszubrechen. Meistens spiele ich solche
Stellungen auch recht gut. Gerade in einem Moment, in dem ich spürte, dass
etwas schiefgelaufen war (24. Td3?) und mein Vorteil kleiner war als gedacht,
suchte ich intuitiv den Stellungstyp, in dem ich mich wohl fühlte---selbst
wenn diese Entscheidung objektiv nicht zu rechtfertigen war. Den nachfolgenden
Einschlag auf h6 habe ich eigentlich nicht ernsthaft geprüft: ich wollte,
dass das Opfer funktioniert und habe meine Berechnungen und Kandidatenzüge
für Schwarz dieser Schlussfolgerung angepasst. Im Ergebnis habe ich viele
Varianten in die Tiefe berechnet, die meisten sogar korrekt, aber übersah ich
eine sehr einfache Widerlegung. Natürlich spielte auch schlechte
Zeiteinteilung eine Rolle. Perfektionismus und die Angst Fehler zu machen
hatten dazu geführt, dass ich hier nur über wenig mehr als 10 Minuten
verfügte. Unter dem Druck der Uhr brachte ich keine Disziplin auf, um Züge
vor der Ausführung abschließend zu prüfen und die Stellung noch einmal mit
frischem Blick zu betrachten. Grobe Einsteller waren die logische Folge.} 25.
Qxb6 $2 (25. Qc6 Qxc6 26. Bxc6 Ra1 27. Be3 Nxf3+ 28. Kg3 Ne1 29. Rd8+ Kh7 30.
Bxb6 Nh5+ $13) (25. Bd1 $1 $16) 25... Nxf3+ 26. Rxf3 Rxa4 27. Bxh6 $4 {Schnell
ausgeführt; dieser Zug war nämlich die Idee von 25. Dxb6.} Ra6 $1 {Weiß
verliert eine Figur.} ({Nach} 27... Nxe4 {wollte ich mit} 28. Qb3 ({oder} 28.
Qb5 {fortsetzen.})) ({und auf} 27... Nd7 {folgt} 28. Qd6 gxh6 29. Qe7 $1 {
mit durchschlagendem Angriff. Eine hübsche Idee, allerdings hatte ich den
einfachen Textzug übersehen.} (29. Qxh6 {erlaubt} Nf8 $1)) 28. Qb3 $6 {
Ein Fehler (besser ist 28. Db5), aber er mag dem Schock nach 27. ...Ta6
geschuldet sein. Jedenfalls begriff ich, dass ich die Stellung vergeigt hatte
und es nun aufs pure Überleben ankam. Es glückte mir in der Folge mich zu
sammeln, den Zwang zu gewinnen auszublenden und eine Reihe sinnvoller Züge
aufs Brett zu stellen.} (28. Qe3 gxh6 29. Qxh6 {scheitert an} Ng4+ $1) 28...
gxh6 29. Rg3+ Kf8 30. Qb4+ Ke8 31. Qb5+ Ke7 32. Qxe5+ Re6 33. Qf4 Rxe4 $2 {
Es ist schwer erklärlich, warum Schwarz einen dritten Bauern gibt.} ({Nach} 
33... Nxe4 {hat Weiß einen schweren Stand.}) 34. Qxh6 Qc5 35. Qd2 $5 ({
Ich erwog} 35. Re3 Rxe3 36. Qxe3+ Qxe3 37. fxe3 Nd5 38. Kg3 Nxe3 39. Kf3 {
mit wahrscheinlichem Remis; aber zum einen ist das nicht völlig klar und zum
anderen bietet diese Variante keine Gewinnchancen. Also zurück mit der Dame.})
35... Qe5 36. Kg2 {Die Stellung ist nun wieder unklar. Es ist schwer
vorstellbar, wie Weiß jemals gewinnen kann, aber immerhin war ich zurück in
der Partie. Allerdings übernahmen hier, durch starke Zeitnot begünstigt,
wieder meine Emotionen das Ruder und fühlte ich mich verplichtet, koste was
es wolle auf Gewinn zu spielen.} Re2 $2 {Der Scheitelpunkt der Partie ist
erreicht. Was soll Weiß nun spielen? Mein erster Impuls war 37. Te3. Nach 37.
...Td2:38. Te5:+ Kd6 39. Tb5 Se4 folgt 40. Kf3 Sf2:41. Ke3. Nun ist 41. ...
Tb2:42. Tb2: Sd1+ 43. Kd4 Sb2:44. h4 remis, und auf 41. ...Tc2 plante ich 42.
Tf5 mit Gewinn des Bauern f7. (Dies ist übrigens nicht korrekt; Schwarz
verfügt über 42. ...Sd1+ 43. Kd3 Tf2 44. Ke4 Ke6 mit wahrscheinlichem Gewinn.
Allerdings hält 41. h4! studienartig remis. ) Da diese Variante 0,00%
Gewinnchancen bietet, verwarf ich sie umgehend. Was sind die Alternativen? 37.
De3!?? ergriff meine Aufmerksamkeit. Nach 37. ...Te3:38. Te3: De3: (oder Kd6)
39. fe3: spielt nur Weiß auf Gewinn. Leider scheitert dieser phantastische
Zug an 38. ...Se4. Also musste ein anderer Damenzug her. Mit 20 Sekunden auf
der Uhr spielte ich letztendlich} 37. Qd3 $4 (37. Re3 Rxd2 38. Rxe5+ Kd6 39.
Rb5 Ne4 40. Kf3 Nxf2 41. Ke3 (41. h4 $1 $11) 41... Rxb2 (41... Rc2 42. Rf5 Nd1+
43. Kd3 Rf2 44. Ke4 Ke6 $17) 42. Rxb2 Nd1+ 43. Kd4 Nxb2 44. h4 $11) (37. Qe3 $5
Rxe3 38. Rxe3 Qxe3 (38... Ne4 $1 $19) 39. fxe3 $14) ({Wie der Leser bemerkt
haben wird, lässt sich die Idee von 37. De3 viel einfacher umsetzen:} 37. Qxe2
Qxe2 38. Re3+ Qxe3 39. fxe3 {und Schwarz steht ein schwerer Kampf ums Remis
bevor. Die Freibauern stellen den Springer vor große Herausforderungen.
Später stellte ich mit Computerunterstüzung fest, dass die ganze Sache nicht
so klar ist: Schwarz hat im entstehenden Endspiel verschiedene
Verteidungspläne, meistens basiert auf direkter Aktivierung des Springers und
Gewinn eines Bauerns. Zum Beispiel} Ne4 40. Kf3 Nc5 $1 {und ein Bauer am
Damenflügel geht verloren, z.B.} 41. b4 Na4 42. c4 Nb2 43. c5 Nd3 {Der
Computer hält die Stellung mühelos remis. Ob es Jonathan Carlstedt in der
Partie geglückt wäre, ist eine andere Frage; schlecht wären seine Chancen
jedenfalls nicht gewesen. Wie kann so ein Übersehen zustandekommen? Weiß
sieht den phantasievollen Zug 37. De3, aber vernachlässigt das einfache
Schlagen auf e2, das dieselbe Idee viel einfacher verwirklicht.
Schlagmöglichkeiten und Schachgebote zuerst prüfen! Natürlich hätte ich
den Zug binnen Sekunden gefunden, wenn die Stellung mir als Aufgabe vorgelegt
worden wäre. Woher dann das Versagen am Brett? Daniele Vocaturo meinte, dass
ich in dieser Phase jegliche Objektivität verloren hätte; anstelle des
Findens guter Züge war auf einmal das Abwenden remislicher Varianten das
dominante Ziel geworden. Keine Einstellung, die den Blick auf die Stellung
schärft. Die Zeitnot tat ein übriges. Weitere Anzeichen dafür, dass der
Entscheidungsprozess vollends entgleist war, waren das relativ tiefe Rechnen
mancher Varianten (37. Te3) verbunden mit der Unfähigkeit, unvoreingenommen
auf die Stellung zu schauen und einfache Züge zu finden. Ein Bild, das sich
bereits im 25. Zug gezeigt hatte (25. Db6: vs. 25. Ld1). Einmal mehr hatte ich
mich impulsiv für einen Zug entschieden und meine Stellung damit ruiniert. In
gewisser Weise war 37. Dd3 nur konsequent: ich folgte meiner eigenen, vor der
Partie ausgegeben Devise, dass diese Partie nur dann Remis enden würde, wenn
alle Gewinnmöglichkeiten, und seien sie noch so weit hergeholt, erschöpft
seien. Dieser Weg führte hier direkt in den Abgrund. Wie es häufiger
vorkommt, wenn das Wollen das Denken ersetzt.}) 37... Nd5 $5 {Stark war auch
37. ...De4+. Nach 38. De4: Se4: fällt ein weißer Bauer: 39. Te3 Tf2:+ 40.
Kg1 Tf4 bietet Schwarz exzellente Gewinnaussichten. Anders als 37. ...De4+
hatte ich 37. ...Sd5 kommen sehen, aber als der Zug auf dem Brett stand, hatte
ich vergessen, dass ich ihn mit 38. Tf3 beantworten wollte. Die Pointe ist,
dass Schwarz nach 38. ...Tb2:39. c4! Probleme hat, seine Figuren zu
koordinieren. 39. ...Sf4+ scheitert an 40. Tf4:! Df4:41. Da3+ mit Turmgewinn.
Natürlich steht Schwarz nach 39. ...Sb4 40. Da3 oder 39. ... Dg5+ 40. Kh2
besser, aber Weiß behält praktische Chancen. In Panik (ich lebte nun von
meinem 30-Sekunden-Bonus) vergaß ich diese Variante aber, blockierte total
und wählte mit wenigen Sekunden auf der Uhr eine völlig hoffnungslose
Fortsetzung.} (37... Qe4+ 38. Qxe4+ Nxe4 39. Re3 Rxf2+ 40. Kg1 Rf4 $17) 38. Qd4
$4 (38. Rf3 Rxb2 39. c4 $1 Nf4+ $4 (39... Nb4 40. Qa3 $17) (39... Qg5+ 40. Kh2
$17) 40. Rxf4 $1 Qxf4 41. Qa3+ $16) 38... Qxd4 39. cxd4 Rxb2 40. Kf3 $6 f5 $1 {
Diese Stellung ist einfach verloren. Ein typischer Fall, wo in alten Büchern
steht: “Die Abbruchstellung. Weiß gab die Partie ohne Wiederaufnahme
verloren.” Da es keine Hängepartien mehr gibt, schleppte ich das Elend noch
ein paar Züge hin, aber ich erspare dem Leser die Details. Schwarz gewann
sicher. 0-1 (57) Die Enttäuschung nach der Partie war natürlich groß. Vor
allem war ich entsetzt über die vergebene Chance 37. De2:!, die mir zu diesem
Zeitpunkt wie der unmittelbare K.O.-Schlag erschien. Bilder von Stürmern, die
den Ball neben das leere Tor setzen, zogen vor meinem inneren Auge vorbei.
Einmal mehr hatte ich erlebt, wie schnell man die Arbeit einer ganzen Saison
durch fehlende Selbstkontrolle zerstören kann. Es war eine gewisse
Erleichterung festzustellen, dass die Stellung trotz praktischer Siegchancen
danach noch in der Remisbreite lag. Ebenfalls erleichternd war es zu hören,
dass die Mannschaft dennoch 4,5-3,5 gewinnen und den fünften Platz sichern
würde. Mein disziplin- und rücksichtsloses Spiel auf Gewinn hatte zumindest
nicht das Rekordergebnis der Schachfreunde verdorben. Die Achterbahnfahrt
dieses Wochenendes, das famos begann und für das Team (wenn auch nicht für
mich) auch famos endete, hatte mich ordentlich mitgenommen. Ich ging davon aus,
dass ich eine furchtbare Partie gespielt hatte, aber das Urteil der
elektronischen Chips, die ich auf der Rückfahrt nach Berlin befragte, ließ
mein Spiel in milderem Licht erscheinen---jedenfalls bis zu den fatalen
Entscheidungen 24. Td3?, 25. Db6:? und 27. Lh6:??. Abends in Berlin ließen
Daniele Vocaturo und ich die Ereignisse noch einmal Revue passieren. Wie
sollte man die Erfahrung dieser Partie letztendlich bewerten? Als mentales
Versagen? Als Lehrbeispiel für fehlende innere Disziplin? Als Menetekel für
den nächsten Matchball? Daniele beurteilte die Dinge optimistischer. “Your
calculation and judgment in the first half of the game were really great. Even
if you blundered later, you have something to be proud of. You really tried.
” “The word trying smells a bit of failure. It is not enough. You have to
do it as well.” “I think you did it today, even if the result does not
reflect this.” “Perhaps. At least I played fearlessly. And in spite of all
disappointment, it was a fascinating experience. It helped me to see the
person I am.”} 0-1


Über den Autor

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Georgios Souleidis ist Internationaler Schachmeister und hat in Bochum Publizistik und Kommunikationswissenschaft studiert. Er arbeitet als Journalist, Autor und Schachtrainer. Er schreibt u.a. als Chefredakteur für die Schachbundesliga, für Chessbase, die Zeitschrift SCHACH, SPIEGEL ONLINE oder die Deutsche Presse-Agentur. Falls er mal nicht schreibt oder Training gibt, versucht er aktiv am Brett zu beweisen, dass 1. e2-e4 der beste Eröffnungszug ist.