Das Wahrsager von Bad Homburg - der Macher des LigaOrakels im Interview

Erstellt am: 02.10.2015

Zu Beginn jeder Saison, spätestens wenn die Aufstellungen veröffentlicht werden, gehen viele Spieler die Mannschaften ihrer Ligakonkurrenten durch und versuchen abzuwägen, wie die Chancen des eigenen Teams stehen. "Der SK hat einen hohen Schnitt, aber der, der an Brett 1 gemeldet ist, wird bestimmt nie spielen, das weiß ich aus sicherer Quelle!", oder "Mit der Aufstellung wird der PSV wahrscheinlich nur antreten, wenn es am Ende noch um was geht; Gott sei Dank treffen wir aber gleich zu Beginn gegen sie!". Über solche Mutmaßungen kann Walter Schmidt aus Bad Homburg nur lachen. Er vermutet nicht, er lässt berechnen. Denn er ist der Mann hinter dem LigaOrakel. Für schachbundesliga.de erzählt er, wie dessen Weissagungen funktionieren.

Schachbundesliga: Herr Schmidt, was genau ist denn nun das LigaOrakel?

Schmidt: Eigentlich gar nichts besonderes, also kein großes Rechenzentrum oder ein teurer Highendrechner mit 5Ghz und 16 Kernen. Vielmehr ein ziemlich gewöhnlicher, schon etwas in die Jahre gekommener Rechner, der immer, wenn in den überwachten Ligen neue Begegnungen stattfanden, die Ergebnisse überprüft und anhand der aktuellen Tabellen- und Aufstellungssituation mit Hilfe der ELO-Zahlen die Wahrscheinlichkeiten für den weiteren Saisonverlauf ausrechnet.

Schachbundesliga: Wie kommt man auf diese geniale Idee?

Schmidt: Vor einigen Jahren gab es auf einer inoffiziellen Seite des Hessischen Schachverbandes einen Auf- und Abstiegsrechner, der auf einfachem Javascript basierte. Dort konnte man die Absteiger aus der Hessischen Oberliga eintragen und dann berechnete das Programm für alle Ligen darunter die Folgen - stiegen beispielsweise zwei Mannschaften aus einem bestimmten Bezirk ab, gab es in den betroffenen Bezirksligen mehr Absteiger etc.. Dieser Rechner gefiel mir, aber ich dachte: Warum nicht gleich Nägel mit Köpfen machen und das Ganze mit Wahrscheinlichkeiten hinterlegen, so dass man den Saisonverlauf statistisch vorhersagen kann?

Schachbundesliga: Wann beschlossen Sie, das Programm zu schreiben und wie lange haben Sie dafür gebraucht?

Schmidt: Nach Weihnachten 2011 hatte ich ein wenig Muße - ich hatte Urlaub, es war Winter, also klemmte ich mich hinter die Tastatur und schrieb munter drauf los. Als die Weihnachtsferien zu Ende waren, ging das Projekt erstmals online.

Schachbundesliga: Wie läuft so ein Berechnungslauf ab? Welche Parameter berücksichtigt das Programm?

Schmidt: Im Grunde kann man es sich wie einen großen Würfel vorstellen, der alle Begegnungen einer Saison 100.000 Mal auswürfelt. Hierbei wird jedes Brett eines Mannschaftskampfes mit einem dreiseitigen Würfel (Sieg für Mannschaft 1, Remis, Sieg für Mannschaft 2) ausgespielt.

Schachbundesliga: Nach welchen Kriterien werden dann die 8 Bretter ausgewählt, die für den Berechnungslauf quasi "eingesetzt" werden?

Schmidt: Es wird nur mit ELO-Durchschnitten gerechnet. Trifft beispielsweise Baden-Baden auf den SV Werder Bremen, wird für beide der Durchschnitt der ersten 12 Bretter berechnet und dann davon ausgegangen, dass an jedem einzelnen der 8 Bretter auf beiden Seiten ein Spieler sitzt, dessen ELO genau dem Mannschaftsdurchschnitt entspricht. Anhand der ELO-Differenz lässt sich dann die Wahrscheinlichkeit für das Ergebnis jedes einzelnen Brettes berechnen.

Schachbundesliga: Aber ist das aussagekräftig? In vielen Mannschaften, ob Bundesliga oder Kreisklasse, gibt es doch gerade an den vorderen Brettern Spieler, die nie oder nur sehr selten zum Einsatz kommen?

Schmidt: Das wird ebenfalls berücksichtigt. Das Programm prüft im Laufe der Saison ständig auch die Performance einer Mannschaft und korrigiert den Mannschaftsschnitt entsprechend, wenn klar wird, dass es sich nur um Strohmänner oder Spieler handelt, die nur sehr selten auflaufen.

Schachbundesliga: Aber wenn ein Team über seine Verhältnisse spielt, beispielsweise wenn es aus lauter aufstrebenden Jungtalenten besteht, deren tatsächliche Spielstärke sich noch nicht in der ELO-Zahl widerspiegelt, dann versagt das Programm doch, oder?

Schmidt: Auch hier greift dieser Algorithmus, der überprüft, ob Spieler unter- oder überperformen. So hat sich beispielsweise in der letzten Saison die Abstiegswahrscheinlichkeit für die "Young Guns" von Hansa Dortmund stetig verringert, als offenkundig wurde, dass die meisten Spieler der Mannschaft weit besser spielen als es ihre ELO-Zahl erwarten ließe. Auf der anderen Seite werden auch Spieler in der Berechnung abgewertet, deren Saison negativ und unterhalb der ELO-Erwartung verläuft.

Schachbundesliga: Wow, Sie haben ja wirklich an alles gedacht! Dauert so ein Berechnungslauf nicht unheimlich lange? Wie sieht ihre monatliche Stromrechnung aus?

Die Zugriffstatistik des LigaOrakels. Man sieht deutlich, dass das Interesse zu Anfang und vor dem Ende der Saison steigt
Schmidt: Nein, das geht relativ schnell. Eine vollständige Neuberechnung für alle Ligen dauert ungefähr 18 Minuten. Hierbei werden die Ergebnisse von insgesamt 40.000 Partien ausgewürfelt, mal 100.000 Würfe pro Partie macht 4 Millarden Rechenoperationen. Das ist für einen normalen Haushaltsrechner heutzutage ein Klacks.

Schachbundesliga: Wieviele Ligen werden von Ihrem Orakel derzeit geweissagt?

Schmidt: Die Bundesliga sowie alle zweiten und dritten Ligen der Herren und Damen sowieso und dann noch von den meisten Landesverbänden die vierte Liga. Mit denen aus meinem eigenen Verband Hessen, wo ich fast alle auswerte, kommt man auf insgesamt 159.

Schachbundesliga: Wie sind denn die monatlichen Zugriffszahlen? Eigentlich müssten diese doch schon hoch genug sein, um mit Werbung das Projekt zumindest zu refinanzieren?

Schmidt: Ja, aber das habe ich explizit nicht vor. Ich verdiene mein Geld nicht mit Schach, sondern mit meinem Beruf. Es soll eine Spielerei bleiben, die ich nicht kommerzialisieren will. Das lässt mir auch die Freiheit, dass ich jederzeit aufhören kann, wenn es mir keinen Spaß mehr macht.

Schachbundesliga: Herr Schmidt, herzlichen Dank für dieses Gespräch.



Über den Autor

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Marc Lang

Marc Lang ist selbstständiger Programmierer aus dem schwäbisch-bayerischen Günzburg. Er ist bekannt für seine Blindschachveranstaltungen und hielt bis Dezember 2016 den Weltrekord im Blindsimultan gegen 46 Gegner, aufgestellt 2011 in Sontheim/Brenz. Wenn Sie Fehler auf dieser Webseite finden, stammen sie zu 90% von ihm.

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