Ich wusste: Noch zweimal Schach geben und du bist Weltmeister! - Interview mit Roven Vogel

Erstellt am: 12.11.2015

Bei den Jugendweltmeisterschaften in Porto Carras / Griechenland wurden im Vorfeld einige Spieler der starken deutschen Delegation als heimliche oder erklärte Favoriten gesehen, doch dass es am Ende der für den USV Dresden spielende Roven Vogel sein würde, der in der U16 den Titel nach Deutschland holen würde, das hätten wohl die wenigsten vermutet. Zumal es zunächst auch gar nicht danach ausgesehen hatte, denn Roven startete mit 1,5 aus 3 bzw. 3 aus 5 eher verhalten, legte dann aber los wie die berühmte Feuerwehr: 6 Siege en suite machten ihn zum Weltmeister mit 9 Punkten aus 11 Partien und einem halben Zähler Vorsprung vor dem Feld.

Schachbundesliga.de: Roven, nochmals herzlichen Glückwunsch zu Deinem tollen Erfolg! Hattest Du Dir vor Beginn der WM Chancen auf den Titel ausgerechnet?

Roven Vogel: Danke für die Glückwünsche. Vor der WM wusste ich, dass ich vorne mitspielen kann, falls ich gut drauf bin. Als Favorit vor dem Turnier sah ich übrigens wenig überraschend den Italiener Francesco Rambaldi, da er in letzter Zeit viele starke Resultate abgeliefert hatte und sehr konstant wirkte. Als Zehnter der Setzliste macht man sich aber natürlich trotzdem Hoffnungen. Auf jeden Fall war mir klar: Es wird verdammt schwer!

Schachbundesliga.de: Nach einem eher zurückhaltenden Start mit 3 aus 5 hast Du eine unglaubliche Serie hingelegt - 6 aus 6! Was ist da "passiert" und wie erklärst Du Dir diesen Lauf?

Roven Vogel: Veränderungen an meinem Tagesablauf hab ich eigentlich während des ganzen Turniers nicht vorgenommen. Ich bin jeden Tag eine halbe Stunde joggen gewesen, vor dem Mittagessen hab ich immer noch einen Spaziergang mit meinem Betreuer, Motivator und Trainer, Philipp Humburg, unternommen und mehr oder weniger dasselbe gegessen. Die Vorbereitung auf den nächsten Gegner war auch meistens sehr ausgiebig. Ich glaube, das Erfolgsrezept während meines Erfolgslaufes lautete einfach nur: gute Laune. Ein Stück weit konnte ich am Anfang der zweiten Hälfte auch befreit aufspielen, sodass ich erst nach vier Siegen bemerkte, das könnte ja noch was werden. Die letzten beiden Partien waren purer Kampfgeist und Schicksal :-).

Schachbundesliga.de: Vor der letzten Runde war klar, dass ein Sieg Dich zum Weltmeister machen könnte. Wie hast Du Dich auf diese enorm wichtige Partie vorbereitet?

Roven Vogel: Ehrlich gesagt, ganz normal wie jeden Tag. Aufgestanden, kurzer Lauf, Frühstück, Vorbereitung, Spaziergang, Musik gehört und dann ab zur Partie. Ich hab versucht, meine gute Laune einfach beizubehalten, obwohl mir der Ernst der Lage natürlich bewusst war.

Schachbundesliga.de: Bist Du vor so einer Partie sehr nervös? Wie gehst Du mit der Anspannung um?

Roven Vogel: Im Grunde hatte ich noch nie so eine wichtige Partie. Für Normen musste ich zwar schon häufiger in der letzten Runde punkten, aber so eine außergewöhnliche Situation hatte ich natürlich noch nie. Dementsprechend war ich auch ziemlich nervös. Wie gesagt, hab ich versucht die gute Laune beizubehalten, um so auch der Nervosität etwas entgegenzuwirken.

Schachbundesliga.de: Du bist in der Schlussrunde mit dem Figurenopfer ein hohes Risiko eingegangen. Warum?

Roven Vogel: Als ich die Figur opferte war mir klar, dass ich mit einem Sieg Weltmeister sein würde, da die Begegnung am Nachbarbrett ziemlich nach Remis aussah. Mir war auch klar, dass das Figurenopfer sehr riskant ist, doch in diesem Moment sagte mir mein Bauchgefühl: Riskier es und mach einfach! Außerdem waren wir beide in Zeitnot, wo bekanntlich einige Fehlentscheidungen getroffen werden. Mit einem Remis konnte ich mir nicht einmal sicher sein, dass ich noch eine Medaille bekomme, da von Brett 3 Kantor Gergely drohte, nach Punkten aufzuschließen und mich nach Wertung zu überholen.

Schachbundesliga.de: Wann wusstest Du, dass Du die Partie gewinnen und Weltmeister werden würdest und wie fühlte sich das an?

Roven Vogel: So richtig sicher war ich mir erst total spät. Nach meinem Patzer Txf8? wusste ich zudem nicht einmal, ob es noch so einfach gewonnen war, wie es zum Beispiel nach h8-D im selben Zug gewesen wäre. Diese Erkenntnis kam mir dummerweise auch noch während der Partie. Aber das Gefühl, als ich Dd6+ spielte, war einfach unglaublich. Es hat kurz überall gekribbelt und ich wusste: Noch zweimal Schach geben und du bist Weltmeister!

Schachbundesliga.de: Wie sind Deine weiteren Pläne für die Zukunft? Strebst Du eine Profilaufbahn an?

Roven Vogel: In relativ naher Zukunft werde ich natürlich den GM-Titel anpeilen, zu dem mir noch 3 Normen und ein Haufen Elopunkte fehlen. Meine nächste Chance, eine GM-Norm zu erzielen, wird das Qatar Open Ende des Jahres sein, wo auch fast die gesamte Weltelite am Start ist. Außerdem hoffe ich in nächster Zeit mehr solch großartige Turniere spielen zu können. Längerfristig gesehen werde ich mein Abitur machen und dann höchstwahrscheinlich ein Schachjahr einlegen. Ob ich dann im Endeffekt eine Profilaufbahn hinlegen werde, kann ich jetzt noch nicht beurteilen, aber nach momentaner Gefühlslage eher nicht.

Schachbundesliga.de: Wie würdest Du Deinen Spielstil charakterisieren?

Roven Vogel: Das ist eine schwierige Frage. Ich glaube, wenn man das so genau über sich selber wüsste, könnte man schnell, viel besser werden. Ich bin ein eher ruhiger Spieler, der es gern hat, geschlossene Stellungen zu spielen. In taktischen Stellungen fühle ich mich aber auch nicht ganz unwohl. Allerdings muss ich sagen, dass meine Rechengenauigkeit oft noch Luft nach oben lässt. Mein Eröffnungsreportoire ist momentan noch etwas ausbaufähig, aber zumindest vielseitig.

Schachbundesliga.de: Hattest Du für den USV TU Dresden bereits Einsätze in der 1. Bundesliga?

Roven Vogel: Stellen Sie mir diese Frage bitte nochmal in ein paar Monaten :-).

Partie(n) zum Nachspielen: 
[Event "FIDE WYCC 2015 - U16"]
[Site "Porto Carras"]
[Date "2015.11.05"]
[Round "11"]
[White "Vogel, Roven"]
[Black "Maghsoodloo, Parham"]
[Result "1-0"]
[ECO "A35"]
[WhiteElo "2417"]
[BlackElo "2457"]
[PlyCount "129"]
[EventDate "2015.??.??"]
[EventCountry "GRE"]

{Vor der Schlussrunde lagen Roven, der Italiener Moroni und der Armenier Martirosyan mit je 8 Punkten gleichauf an der Spitze. Martirosyan und Moroni trafen aufeinander, so dass klar war, dass im Falle eines Remisschlusses der beiden Roven mit einem Sieg die alleinige Spitze übernehmen würde}1. c4 c5 2. Nc3 Nc6 3. Nf3 e5 4. g3 g6 5. Bg2 Bg7 6. O-O Nge7 7. d3 O-O 8. a3
d6 9. Rb1 b6 10. b4 Rb8 11. bxc5 dxc5 12. e4 h6 13. Nd5 Be6 14. Bb2 Qd6 15. Qe2
Rbe8 16. Rbe1 Kh7 17. Nd2 Nd4 18. Bxd4 cxd4 19. Nxe7 Rxe7 20. f4 Bc8 21. f5 Bf6
22. Bh3 Kg7 23. Ra1 Rc7 24. a4 Bd7 25. Kg2 Be8 26. Bg4 Bg5 27. h4 Be3 28. f6+
Kh7 29. Rf3 Bxd2 30. Qxd2 Rc5 31. Qb4 Bc6 32. Rf2 Rb8 33. Bd1 Qc7 34. Kh2 Ra5
35. Raa2 Qd8 36. g4 Bd7 37. Qd6 Qe8 38. g5 Rd8 39. h5 Bg4 40. hxg6+ Kxg6 41.
Qb4 Bxd1 42. gxh6 Qf8 43. Rg2+ Kxf6 44. Raf2+ Ke6 45. Rg6+ Kd7 46. Qxf8 Rxf8
47. h7 Rc5 48. Rg8 Rcc8 49. Rxf8 Rxf8 50. Rxf7+ Rxf7 51. h8=Q Re7 52. Qa8 Kd6
53. c5+ bxc5 54. Qd5+ Kc7 55. Qxc5+ Kd8 56. Kg2 Ke8 57. a5 Kf7 58. Kg3 Bb3 59.
a6 Kf6 60. Qd6+ Be6 61. Qd8 Bd7 62. Kh4 Bb5 63. Qd6+ Re6 64. Qf8+ Kg6 65. Qf5+
1-0
Quellenhinweis: 

Foto: Frank Hoppe (DSB)



Über den Autor

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Marc Lang

Marc Lang ist selbstständiger Programmierer aus dem schwäbisch-bayerischen Günzburg. Er ist bekannt für seine Blindschachveranstaltungen und hielt bis Dezember 2016 den Weltrekord im Blindsimultan gegen 46 Gegner, aufgestellt 2011 in Sontheim/Brenz. Wenn Sie Fehler auf dieser Webseite finden, stammen sie zu 90% von ihm.

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