Ullis Randnotiz - Schach macht abhängig

Erstellt am: 12.09.2018

Wie war das eigentlich bei Ihnen? Wie sind Sie mit dem Virus in Kontakt gekommen?

Mich hat mein Vater infiziert. Eines guten Tages – ich war 9 oder 10 Jahre alt - kam er auf die Idee, mir die Regeln des Spiels beibringen zu wollen. Oder war es mein Quengeln? Ich weiß es nicht mehr so recht.

 

Wie auch immer: Jedenfalls spielten wir nach einiger Zeit ein paar Partien und ich war mehr als frustriert, immer wieder zu verlieren. Das wäre eigentlich der beste Zeitpunkt gewesen, diese Droge ohne größere Schäden abzusetzen. Doch das Gegenteil geschah.

 

Ein Schulfreund hörte nämlich von meinen neuen Interessen und schenkte mir zum Geburtstag ein Schachbuch. Frank wies darauf hin, dass auch er selbst spiele und man könne sich ja mal ab und zu treffen, um ein paar Partiechen auszutragen.

 

Gesagt – getan. Doch auch hier wurde ich anfangs nur zerlegt.

 

Spätestens jetzt hätte ich aufhören sollen, aber scheinbar war ich schon zu hörig von den schwarz-weißen Figuren und Feldern.

 

Der nächste Schritt in mein Verderben war ein Urlaub in den hessischen Kellerwald mit meinen Eltern. Ausgerechnet in unserer Pension führte ein örtlicher Schachverein seine Trainingsabende durch.

 

Vater ließ mich dort mitspielen und die älteren Herren hatten offenbar ihren Spaß daran, dem Kind zu zeigen, wie vollkommen unvollkommen es das Spiel immer noch beherrschte. Jedenfalls durfte ich mir zum Teil entsprechend qualifizierte Kommentare anhören. Aus heutiger Sicht war die Kritik sicher berechtigt, doch als Kind nimmt man das anders wahr.

 

Doch irgendetwas veränderte sich an diesen drei Abenden in mir. Anstatt darüber ernüchtert zu sein, dass mir offenbar das geniale Talent fehlte, begann ich, meine Schwächen mit Hilfe von Schachbüchern und gelegentlichen Partien mit Freunden oder den alten Herren auf den Gartenschachbrettern im Stadtpark zu bekämpfen. Darüber hinaus war ich seinerzeit auch von den Partien, die ab und an im TV unter dem Titel „Schach der Großmeister“ gezeigt wurden, fasziniert.

 

Jedenfalls drang ich scheinbar immer tiefer in die Geheimnisse des Schachspiels ein. Dass ich damit aber eigentlich nur an der Oberfläche kratzte, konnte ich damals nicht erfassen.

 

Als wir dann also im nächsten Jahr urlaubsbedingt wieder die Pension mit dem Schachverein aufsuchten, fühlte ich mich gleichwohl bestens gerüstet und zunächst lief alles nach Plan. Ich suchte mir den Gegner aus, der mich dort zuvor so gnadenlos zusammengeschoben und mit seinen Kommentaren am meisten genervt hatte.

 

Ich erinnere mich, dass er anfangs überhaupt nicht mit mir spielen wollte, doch das Zureden des Vereinspräsidenten half. Der Dorfschullehrer setzte sich mit mir ans Brett, packte seine Pfeife aus, steckte den Tabak an und begann paffend die erste Partie.

 

1.e4. Meine Antwort, 1…c6, quittierte er mit einem brummenden „…akzeptiert…“ und setzte mit 2.d4 fort. Ich zog 2….d5, was wiederum mit einem eher unwillig vorgetragenen „…soso….“ kommentiert wurde. Nach 3.Sc3 dxe4 kam dann von ihm ein schon fast genervt klingendes „…tja…“. Als ich es nach 4.Sxe4 aber wagte, 4….Sf6 zu entkorken, folgte ein hämisches Grinsen und er schlug mit der Bemerkung „…kann nicht gut sein, gibt einen Doppelbauern…“ den kecken Gaul mit 5.Sxf6 weg.

 

Mit 5…gxf6 brachte ich ihn dann jedoch vollends aus der Fassung. Er forderte mich auf, diesen Zug zurück zu nehmen und stattdessen wenigstens 5…exf6 zu ziehen, um Figurenbahnen zu öffnen. Als ich mich weigerte, griff der Vereinspräsident, der sich das Spiel bislang ruhig am Nebenbrett betrachtet hatte, ein und erläuterte, dass mein Zug tatsächlich Theorie sei. Mein Gegner möge einfach weiterspielen.

 

Das tat er dann auch und traf nachfolgend die fatale Entscheidung kurz zu rochieren. Dass er nach meiner langen Rochade damit in einen grausamen Angriff lief, versteht sich von selbst. Jedenfalls vergaß er im Laufe der nächsten Stunde sowohl seine überflüssigen Kommentare als auch seine Pfeife, die - wie seine Stellung – langsam im Aschenbecher ausglühte.

 

Ich brachte ihn dann durch ein Turmopfer auf g2 und einigen Damenschachs mit einem erstickten Springermatt zur Strecke und erntete dafür eine Belohnungscola von meinem Vater. Die erste Kerbe im Colt!

 

Naja, ich will nicht übertreiben. Tatsächlich wurde an diesem Abend kein neuer Stern am Schachhimmel geboren. Ich verlor danach selbstverständlich auch die eine oder andere Partie. Aber für mich bedeutete dieser Sieg mehr als eine gewisse Genugtuung. Es hatte sich gezeigt, dass ich nach gewissem Arbeitseinsatz mittlerweile eine ganz anständige Klinge führen konnte.

 

So kam ich schließlich auch der schon länger bestehenden Aufforderung einiger Schulfreunde nach, mich ihrem Schachverein anzuschließen. Ein Schritt, den ich bis heute nicht bereut habe, denn das Spiel zieht mich selbst nach so vielen Lebensjahren immer noch in seinen Bann.

 

Zeige dem Schachsüchtigen eine Stellung und er wird damit beginnen, die Strukturen zu erfassen und anfangen, einen Zug zu berechnen. Mir geht es jedenfalls so, auch wenn ich schnell erkennen musste, dass mein Talent und später auch meine Zeit viel zu limitiert waren, um wahre Meisterschaft zu erringen.

 

Wer einmal Großmeistern bei der Arbeit zugeschaut hat, wird wissen, was ich meine. An den Spieltagen der Schachbundesliga haben Sie übrigens die beste Gelegenheit dazu! Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie bitte aber vorher ihren Arzt oder Apotheker!



Über den Autor

Bild des Benutzers Ulrich Geilmann

Ulrich Geilmann wurde 1963 in Essen geboren und wohnt am Niederrhein. Er ist diplomierter Stadtplaner und im öffentlichen Dienst tätig. Der ehemalige Teamchef der 1. Mannschaft der SF Katernberg ist Hobbyschachspieler und Vizepräsident des Schachbundesliga e. V..