Interview mit Matthias Blübaum
Die Endrunde der Schachbundesliga geht bald los. Ein guter Moment, um sich mit Matthias Blübaum, der bis vor einigen Tagen noch beim Kandidatenturnier auf Zypern mit Weltklassespielern um das Ticket für die WM-Qualifikation kämpfte, über die Ereignisse dieser Tage auszutauschen. Dr. Lars Hein sprach mit dem deutschen Topspieler.
Matthias Blübaum spricht im Interview mit Dr. Lars Hein über die Bundesliga und das gerade beendete Kandidatenturnier. | Fotos: Nils Rohde / ChessBase
Dr. Lars Hein: Sie führen die Schachfreunde Deizisau in dieser Saison an Brett 1 an. Wie schätzen sie die bisherigen Saisonleistungen Ihrer Mannschaft ein und werden wir Sie in Berlin zur zentralen Endrunde am Brett sehen?
Matthias Blübaum: Diese Saison läuft leider bisher nicht wirklich gut für uns, üblicherweise landen wir am Ende der Saison eigentlich immer irgendwo zwischen Platz 3 bis 5 und aktuell sind wir auf dem 11. Platz. Ich hoffe sehr, dass uns beim finalen Wochenende noch einige Punkte gelingen.
Deizisau setzt traditionell auf einen starken Kern deutscher Spitzenspieler. Wie wichtig ist diese Konstanz, um in der „stärksten Liga der Welt“ auch gegen die mit Weltstars gespickten Kader u.a. von Viernheim oder Baden-Baden zu bestehen?
So eine Konstanz ist natürlich immer gut, es hilft deutsche Spieler im Kader zu haben, die eigentlich auch immer bereit sind zu spielen. Momentan ist der Kern deutscher Spieler in unserem Team nicht mehr ganz so hoch wie vor ein paar Jahren, aber wir versuchen immer unser Bestes, auch gegen die stärksten Teams zu bestehen.
Sie haben selbst die klassischen Stufen der deutschen Talentförderung – vom Jugendschach bis hin zu den „Prinzen“ des DSB – erfolgreich durchlaufen. Wie bewerten Sie rückblickend die Bedeutung dieser Strukturen für Ihren Weg in die Weltspitze und welche Impulse müssten aus Ihrer Sicht heute gesetzt werden, um das Potenzial im deutschen Jugendschach noch effektiver auszunutzen?
Ich denke die Talentförderung gerade mit der Prinzengruppe war sehr erfolgreich und hat sehr gut funktioniert. Ich glaube, es ist sehr schwer allgemeine Tipps zu geben, wie die Talentförderung am besten läuft, da jeder Spieler recht individuell ist.
Wir erleben nach der langen Ära der immer noch amtierenden Nummer 1 der Weltrangliste Magnus Carlsen und der kurzen Übergangszeit von Ding Liren derzeit die „Regentschaft“ von Gukesh Dommaraju. Wie bewerten Sie sein erstes Jahr nach Erlangung des WM-Titels und wie schätzen Sie die aktuelle Spielstärke und die Chancen einer Titelverteidigung des jungen Weltmeisters gegen seinen gleichermaßen jungen Herausforderer Sindarov ein, der das Kandidatenturnier mit beeindruckenden 10/14 und großem Abstand gewonnen hat?
Gukesh hat offensichtlich aktuell ziemlich mit seiner Form zu kämpfen. Nichtsdestotrotz ist er ein sehr starker Spieler und ich bin mir sicher, dass er alles daran setzt, spätestens zum WM-Match wieder in Bestform zu sein. Sindarov hat natürlich aktuell einen unglaublichen Lauf und hat das Kandidatenturnier absolut verdient gewonnen. Allein aufgrund von Recency Bias (Rezenzeffekt) und den aktuell Elozahlen würde ich Sindarov vielleicht 55 Prozent im Match geben, aber letztendlich wird es sicherlich ein sehr spannendes Match werden.
Abschließend noch ein kurzer Rückblick auf das Kandidatenturnier: Ich habe die Partien täglich gespannt im Livestream verfolgt und war von der Leichtigkeit beeindruckt, mit der Sie in den meisten Fällen als „Elo-Außenseiter“ gegen die absolute Weltelite Stand halten konnten. Sie haben 12 Ihrer 14 Partien mit einem Remis beendet. War diese solide Spielweise von Anfang an Ihre Strategie oder hat sie sich aus den Stellungen ergeben? In der Schlussrunde gegen Anish Giri haben Sie womöglich mehr Risiko gesucht, was letztlich zu einer Niederlage führte. Was hat Sie dazu bewogen, gerade gegen Ende von Ihrem bisherigen Erfolgskurs abzuweichen?
Solide zu spielen war grundlegend schon die Strategie, allerdings hatte ich natürlich auf ein knapperes Turnier gehofft. So wie es gelaufen ist, hatten nach fünf, sechs Runden eigentlich alle Spieler realistisch gesehen schon die Hoffnung auf den Turniersieg aufgegeben. Aufgrund der Tabellensituation hätte ich mit einem Sieg in der letzten Runde noch 3. werden können (falls Caruana nicht mit Schwarz gewonnen hätte, was er letztendlich hat, aber das konnte ich natürlich vorher nicht ahnen) und ich dachte, ich habe nicht allzu viel mehr zu verlieren. Da ich gegen Giri gerade erst in Wijk eine sehr dynamische Partie gewonnen hatte, war ich durchaus motiviert, was zu versuchen, was natürlich letzlich aufgrund des Einstellers Sd4 völlig nach hinten losgegangen ist.
Das Interview führte Dr. Lars Hein.



