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Als die Bayern die Bayern des Schachs schlugen

Die zwölf Schachspieler des FC Bayern München waren bei der Bundesliga-Schlussrunde alle heiß auf die Weltauswahl der OSG Baden-Baden. „Ein Höhepunkt. Alle wollten spielen“, berichtete Teamchef Jörg Wengler aus Berlin. Doch nur acht konnte er gegen den deutschen Meister an die Bretter schicken – und wählte die acht Richtigen. Die Kurstädter unterschätzten derweil wohl etwas den „kleinen“ FCB und ließen wegen der täglichen Doppelrunden Asse wie Ex-Weltmeister Viswanathan Anand (Indien) und den WM-Kandidaten Maxime Vachier-Lagrave auf der Bank.

Makan Rafiee (links) sichert sich in der Bundesliga-Saison mit 5:4 Punkten eine Norm zum Internationalen Meister. | Foto: Johannes Winkler

Rustam Kasimdschanow brachte den haushohen Favoriten mit einem Sieg über Linus Johansson in Führung. Doch angesichts der mühelosen Remis an den vier vorderen Bretter witterte Wengler: „Heute ist etwas drin!“ Das sah auch sein Spitzenspieler so: „Als mir Radoslaw Wojtaszek im 21. Zug ein Remis anbot, nahm ich das gerne an. Ich dachte, dass ich schlechter stehe, und sah an den hinteren Brettern gute Chancen für uns“, erzählt Niclas Huschenbeth, „so war es dann auch.“ An den hinteren drei Positionen trotzten tatsächlich die Schweden Martin Lokander und Philip Lindgren ebenso wie Makan Rafiee der badischen Elo-Übermacht.

Lokander büßte zwar gegen Sergej Mowsesjan eine Figur ein, hatte aber zwei übermächtige Bauern, die sich bis kurz vor die Damen-Umwandlung unwiderstehlich auf die siebte Reihe schoben. Mowsesjan gab daher auf. Gar zwei Damen hatte Makan Rafiee auf dem Brett und hätte gleich noch eine dritte holen können, weshalb Vadim Milov am achten Brett gratulieren musste. Philip Lindgren sicherte danach mit einem Remis gegen den italienischen Großmeister Yannick Gozzoli den 4,5:3,5-Sieg ab! „Das war unglaublich. Ich konnte bis zum Schluss nicht glauben, dass wir gewinnen. Schon ein 4:4 wäre ein Riesenergebnis für uns gewesen“, sagt Huschenbeth.

Niklas Huschenbeth. | Foto: Johannes Winkler
Niclas Huschenbeth bleibt in der Schlussrunde am Spitzenbrett ungeschlagen. | Foto: Johannes Winkler

Eigentlich wollten die Bayern in Berlin nur „eine gute Figur abgeben“. Nun hatte der FC Bayern dem „FC Bayern des Schachsports“ in die Knie gezwungen! „Eine Sensation und ein echtes Highlight“, jauchzte Wengler überglücklich - und Huschenbeth stimmte in den Freudenchor ein: „Diesmal hat alles gestimmt. Baden-Baden schlägt man nicht alle Tage! Für mich war es überhaupt der erste Sieg über die OSG. Das Highlight hat die gesamte Saison für uns abgerundet.“

Das Zünglein an der Waage spielten die Münchner dabei aber doch nicht im Meisterschaftskampf: Die OSG Baden-Baden gewann in der Hauptstadt alle Spitzenkämpfe knapp mit 4,5:3,5 und holte souverän zum 15. Mal in 16 Jahren den nationalen Titel. Mit 26:2 Punkten lagen die Kurstädter drei Zähler vor den SF Deizisau (23:5) und der SV Hockenheim (22:6), die in den beiden letzten Spitzen-Duellen in Berlin alle Chancen auf die Meisterschaft verspielte.

Der Meister-Bezwinger freute sich derweil über den achten Rang mit 15:13 Punkten. „Einen einstelligen Tabellenplatz durften wir vor der Saison nicht erwarten“, betonte Wengler im Rückblick auf die bereits 2019 gestartete Runde, „insofern können wir extrem zufrieden sein.“ Auch mit der Ausbeute in Berlin zeigte sich der Bayern-Abteilungsleiter „sehr zufrieden: 7:5 Punkte sind super!“ Gegen Werder Bremen gelang zum Auftakt der Schlussrunde ein starkes 5:3. Gegen Vizemeister Deizisau setzte es eine 1,5:6,5-Schlappe, ehe gegen Baden-Baden mehr als eine Wiedergutmachung folgte. Daraufhin kam es gegen BCA Augsburg (8:20) zu der nächsten Ernüchterung mit einem 2,5:5,5. Auf der Zielgeraden trumpften die Münchner wieder auf mit einem 4,5:3,5 über den SV Mülheim-Nord (9:19) sowie dem 4:4 gegen Tabellenvierten SG Solingen (19:9).

Herausragender Spieler des FCB war der Spanier Miguel Santos Ruiz, der am dritten Brett seine Ausbeute in den beiden letzten Partien auf 6,5/9 Punkte schraubte. Der in Berlin fehlende Schweizer Noel Studer blieb als zweitbester Münchner bei 4,5/6 ebenfalls ungeschlagen. Sehr zufrieden durfte auch der Akteur am letzten Brett sein: Makan Rafiee sicherte die Bilanz von 5/9 eine Norm zum Internationalen Meister. Ein „Sonderlob“ von Wengler verdiente sich zudem Huschenbeth. Der Hamburger Großmeister ließ sich in Berlin von keinem am ersten Brett bezwingen und steigerte so sein Gesamtergebnis noch auf 4/10.

Der beliebte 29-Jährige lässt für seine Fans die Schlussrunden-Partien Revue passieren: „Vor Berlin hätte ich sofort eingeschlagen, wenn mir einer eine +1-Bilanz angeboten hätte. Gleich der Auftakt gegen Werder Bremen gab mir Selbstvertrauen. Das passiert schließlich selten, dass man mit Schwarz einen so starken Gegner wie Alexander Areschchenko (2690 Elo) schlägt. Die Partie war von vorne bis hinten gut von mir. Danach folgten zwei Remis mit Gata Kamsky und das bereits erwähnte Duell mit Wojtaszek. Gegen Kamsky stand ich besser, übersah eine einfache Sache und war froh, dass sich gleich eine Zugwiederholung anbot.“ Nur die Begegnung mit dem Augsburger Spitzenmann Jewgeni Postny „wurmte“ Huschenbeth. „Ich war am Drücker und hätte mit 20.Te1 statt exf7 gewinnen müssen.“ Der Rechner sieht danach Weiß mit einem stattlichen Plus von mehr als drei Bauerneinheiten im Vorteil. Nach dem Bauernzug halbierte sich dieser und Postny rettete sich letztlich in ein Turmendspiel mit einem Minusbauern, in dem der Augsburger einen doppelten weißen g-Bauer fabrizierte und ein Patt das Duell beendete. Gegen Thai Dai Van Nguyen war Huschenbeth „sehr gut vorbereitet“ und plagte den Mülheimer lange. Auch am Saisonende sah er sich gegen Markus Ragger „am Drücker, nachdem ich etwas Schönes vorbereitet hatte – doch leider kannte er die Idee ebenso und verteidigte sich im Endspiel präzise“. Dem Schluss empfand der Bayern-Spitzenspieler dennoch als positiv für sich, weil „ich zweimal risikolos auf Gewinn spielen konnte. Es freute mich, dass ich nie in Gefahr war.“

Das galt auch für den Klassenerhalt, dieses Mal hätten sich die Bayern ohnehin keine Sorgen machen müssen: Nach der zweijährigen Corona-Durststrecke darf sogar Schlusslicht Aachener SV (1:27) im Oberhaus bleiben, so der Verein möchte und dies finanzieren kann. Nach dem SV Lingen, Hockenheim und dem SC Heusenstamm (Aufstiegsverzicht als Meister der Zweiten Bundesliga Süd) verkündete auch der Tabellen-13., die SG Speyer-Schwegenheim (7:21), seinen Rückzug. Anders dagegen der Champion der Zweiten Bundesliga Ost: Der Traditionsverein Münchner SC 1836 nimmt die Gelegenheit zu dem „Abenteuer Bundesliga“ nach langer Durststrecke wahr und will sich in der im Januar beginnenden Saison wieder im Kreis der Elite etablieren. Somit gibt es wieder zwei Bundesliga-Klubs aus der bayrischen Metropole.

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