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"Schweigen ist nicht akzeptabel": Die Schachbundesliga vor dem Saisonauftakt

Wer Stellung bezieht, ist in der Bundesliga willkommen: Die im Weltschach intensiv geführte Debatte, ob russische Schachspieler aus dem Turnierbetrieb ausgeschlossen werden sollten, hat vor dem Saisonauftakt die Schachbundesliga erreicht. Der Bundesliga-Vorstand hat jetzt, auch auf Initiative des SC Viernheim (fünf Ukrainer, ein Russe im Kader), diese Erklärung veröffentlicht:

„Der Vorstand des Schachbundesliga e.V. empfiehlt allen Mitgliedsvereinen, bis auf weiteres keine Spieler/-innen einzusetzen, die russischer oder belarussischer Nationalität sind und den gegen die Ukraine geführten Angriffskrieg nicht aktiv ablehnen. Ziel umfassender Sanktionen in allen gesellschaftlichen Bereichen ist die Hinwirkung auf eine schnellstmögliche Wiederherstellung des Friedens und der territorialen Unversehrtheit des ukrainischen Staatsgebietes.“

Der Ukrainer Kirill Shevchenko, die neue Nummer eins des SV Werder Bremen, hätte zum Saisonauftakt spielen sollen. Wie Igor Kovalenko vom SC Viernheim hält sich Shevchenko in der umkämpften Hauptstadt Kiew auf. Via Twitter und Twitch hält er die Schachgemeinde über die Geschehnisse in seinem Umfeld auf dem Laufenden. | Foto: FIDE

Die außergewöhnlichen Umstände haben außerdem zu einer kurzfristigen Änderung des Reglements geführt. Nicht die Brettpunkte entscheiden am kommenden Wochenende darüber, wer einen Mannschaftskampf gewinnt, sondern die Zahl der Gewinnpartien. Der Bundesliga-Beschluss dazu:

"Bei den Wettkämpfen der 1. Schach-Bundesliga am 05./06. März 2022 kommt Ziff. 17.2 der Turnierordnung nicht zur Anwendung. Stattdessen gilt die Gewinnpartienwertung." (Ziffer 17.2 der Turnierordnung besagt, dass 4,5 Brettpunkte nötig sind, um einen Mannschaftskampf zu gewinnen.)

Hintergrund dieses Beschlusses ist die Entscheidung des SV Werder Bremen (drei Ukrainer im Kader), am Wochenende zwei Bretter symbolisch frei zu lassen und die freien Stühle mit ukrainischen Flaggen zu bedecken. Auf diese Weise will der SV Werder seinen Protest gegen die russische Invasion zum Ausdruck bringen.

Oliver Höpfner | Foto: Werder Bremen
Oliver Höpfner | Foto: Werder Bremen

Sportlich hätte der SV Werder an diesem Wochenende zwei dicke Bretter zu bohren. Als Gastgeber empfangen die Bremer zum Auftakt am Samstag den Deutschen Meister OSG Baden-Baden, tags darauf geht es gegen Vizemeister SF Deizisau. „Aber das Sportliche wird komplett in den Hintergrund treten“, hat Werders Schach-Chef Oliver Höpfner schon vor einigen Tagen der Bremer Lokalpresse erklärt.

Der Gesamtverein pflegt enge Verbindungen in die Ukraine, zum einstigen Fußball-Publikumsliebling Viktor Skripnik etwa, der seit 2019 beim ukrainischen Erstligisten Sorja Luhansk als Cheftrainer arbeitet. Auch im Schachbundesliga-Kader finden sich drei ukrainische Großmeister, dazu kommt der in Simferopol auf der Krim geborene Mannschaftsbetreuer und Ersatzspieler Gennadij Fish.

Um den Baden-Badenern und Deizisauern zumindest einen knappen Kampf liefern zu können, wollte Werder eigentlich mit dem stärkstmöglichen Team spielen. Die Großmeister Kirill Shevchenko aus Kiew, Alexander Areshchenko aus Lemberg und Zahar Efimenko, der mit seiner Familie nahe der ukrainisch-ungarischen Grenze wohnt, waren nach Bremen eingeladen. Für Shevchenko (19), die neue Bremer Nummer eins, wäre es seine schachliche Premiere an der Weser gewesen.

Dann überfiel Russland die Ukraine, und alle drei sagten ab. Anstatt am ersten Bremer Brett Schach zu spielen, hält Kirill Shevchenko auf seinem Twitter-Account und auf Twitch die Schachszene über die Geschehnisse in Kiew auf dem Laufenden, und er organisiert Benefiz-Streams zugunsten seiner Landsleute. Efimenko (36) und Areshchenko (35) planen derweil, Frau und Kind über die Grenze zu bringen.

Kirill Shevchenko aus Kiew steht via Twitter mit der Außenwelt in Kontakt.
Kirill Shevchenko aus Kiew steht via Twitter mit der Außenwelt in Kontakt.

Die OSG Baden-Baden und die Schachfreunde Deizisau unterstützen das Symbol, das die Bremer mit den beiden freien Brettern aussenden wollen. Höpfner und der OSG-Vorsitzende Patrick Bittner haben sich darauf geeinigt, dass auch Baden-Baden gegen Bremen zwei Bretter frei lässt. Dasselbe gilt für die SF Deizisau mit ihrem Teamchef Sven Noppes, die gegen Bremen ebenfalls nur mit sechs Spielern antreten werden.

Jürgen Kohlstädt. | Foto: Gerhard Hund
Jürgen Kohlstädt. | Foto: Gerhard Hund

Für die Liga galt es angesichts dieser Entscheidung zu verhindern, dass die Tabelle von Beginn an ein schiefes Bild bekommt. Spielleiter Jürgen Kohlstädt hatte sogleich darauf hingewiesen, dass nach der Turnierordnung unbesetzte Bretter mit 0:0 gewertet werden müssten – ein 3:3 wäre möglich gewesen, und beide Mannschaften hätten null Punkte bekommen.

„Gewinnpartienwertung“ heißt die von Kohlstädt präsentierte Lösung für dieses Problem, die Noppes „ausdrücklich begrüßt“: Am ersten und zweiten Spieltag bekommt diejenige Mannschaft zwei Punkte, die mehr Partien gewonnen hat. Auf diese Weise wird es zwischen Bremen und Baden-Baden bzw. Deizisau trotz nur jeweils sechs Spielern zu regulären Ergebnissen kommen.

Igor Kovalenko bei der Meisterschaftsrunde 2021 in Berlin. | Foto: Johannes Winkler/Schachbundesliga
Igor Kovalenko (SC Viernheim) bei der Meisterschaftsrunde 2021 in Berlin. | Foto: Johannes Winkler/Schachbundesliga

„Ich bin in Kiew, und ich bleibe in Kiew“, sagt Großmeister Igor Kovalenko – einer von fünf Ukrainern im Kader des SC Viernheim. Kovalenko hilft in der belagerten ukrainischen Hauptstadt bei der Versorgung von Soldaten und gebrechlichen Einwohnern. Von der Schachgemeinschaft hat er jetzt in einer Videobotschaft gefordert, „Haltung gegenüber Fanatikern und Schurken“ zu zeigen.
Sein Club wird am kommenden Bundesligawochenende diese Haltung zeigen. „Schachspieler sind als ruhige Menschen bekannt“, heißt es in einem Statement des SC Viernheim, das am Rande der sportlichen Kämpfe ausliegen wird. „Heute, im Angesicht von Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine, schweigen wir nicht… Wir verurteilen den Angriff Putins und bekennen uns zur Herrschaft des Rechts.“

Stefan Martin. | Foto: Georgios Souleidis/Grenke Chess
Stefan Martin. | Foto: Georgios Souleidis/Grenke Chess

Angesichts des Unrechts in der Ukraine hält Mannschaftsführer Stefan Martin „Schweigen für nicht akzeptabel“. Martin preist das Beispiel von etwa Alexander Grischuk, einer von zahlreichen führenden russischen Schachmeistern, darunter mehrere Bundesligaspieler, die gefordert haben, den Überfall aufs Nachbarland sofort abzubrechen.

„Russen, die sich öffentlich gegen dieses Unrecht aussprechen, hätten auch in unserem Team an der Seite unserer Ukrainer einen Platz“, sagt Martin. Schließlich heißt es in der Viernheimer Erklärung auch: „Alle Schachspieler sehen mit großem Respekt auf die hohe gesellschaftliche Bedeutung des Schachspiels in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion.“ Dieser Attitüde gegenüber den russischen Schachfreunden hat sich, siehe oben, der Ligavorstand angeschlossen: Russen sind an den Brettern der Schachbundesliga willkommen – wenn sie öffentlich Stellung beziehen.

Während der vergangenen Tage hat Stefan Martin Kontakt zu den fünf Ukrainern des Teams und ihren Angehörigen gehalten. Drei der ukrainischen Großmeister Viernheims befinden sich in der Ukraine, einer auf der Flucht mit seiner Familie, einer im Westen des Landes in relativer Sicherheit – und einer in der umkämpften Hauptstadt: Igor Kovalenko, der hilft, Kiew gegen den russischen Überfall zu verteidigen.  

 

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