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5:3 - Viernheim ringt Baden-Baden nieder (10. Spieltag)

Der SC Viernheim steht nach einem 5:3 über Titelverteidiger OSG Baden-Baden vor dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft. Im letztlich einseitigen, aber hart umkämpften Duell der beiden dominierenden Mannschaften der Schachbundesliga, beide gespickt mit Weltklassespielern, wehrten sich die Baden-Badener mehr als sechs Stunden gegen die drohende Niederlage. Matchwinner für Viernheim waren Parham Maghsoodloo, der nach knapp fünfeinhalb Stunden Vincent Keymer niedergerungen hatte, sowie David Anton, der mit einem Sieg über Nikita Vitiugov den Schlusspunkt setzte. Sechs Spieltage vor Saisonende führt Viernheim mit drei Punkten Vorsprung die Tabelle an.

"...und dann ist es remis": Viswanathan Anand und Hikaru Nakamura nach ihren 57-Züger, umlagert von Fans. | Foto: Dinara Wagner

Für unbedarfte Zuschauer ging der Mannschaftskampf spektakulär los. Figurenopfer von MVL gegen Mamedyarovs offenen Spanier! Aber was in der Folge aussah wie ein wildes taktisches Gefecht, war mit hoher Wahrscheinlichkeit in erster Linie das gegenseitige Abfragen von Eröffnungskenntnissen. Beim Friedensschluss im 37. Zug stand immer noch eine schwarze Mehrfigur auf dem Brett. Der weiße Freibauer auf der siebten Reihe und die ebendort verdoppelten Schwerfiguren beraubten das schwarze Mehrmaterial konstruktiver Möglichkeiten. Mit 1 Stunde und 49 Minuten Bedenkzeit auf der Uhr und einer 0,00-Stellung vor ihm fügte sich Mamedyarov in die Zugwiederholung.

Richard Rapport und Nodirbek Abdusattorov brauchten deutlich länger, um 15 Züge weniger zu spielen, bevor sie sich bei vollem Brett auf Remis einigten. Wenig später folgten Radoslaw Wojtaszek und Bassem Amin.

Beim Stande von 1,5:1,5 war auf den verbleibenden fünf Brettern abzusehen, dass nun eine Weile gekämpft und gerungen wird, bevor Entscheidungen fallen. Und es war abzusehen, dass der Deutsche Meister mit dem Rücken zur Wand kämpft.

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Vincent Keymer (links) zog 18...Sb4, deckte den c-Bauern nicht, und Maghsoodloo nahm ihn weg. Vielleicht hatte sich Keymer auf 19...La6 verlassen? Aber nach 20.Tc1 Lxe2 21.De3 stünde Weiß deutlich besser. Anton Korobov (rechts) begann den Tag der Oktopoden (siehe unten), indem er seinen Oktopus auf d6 zum Fraß darbot, um die lange Diagonale zu öffnen.

Anton Korobov hatte per Bauernopfer die lange Diagonale Richtung Alexander Donchenkos König geöffnet und träumte von Mattangriff. Vincent Keymer hatte derweil, ein wenig mysteriös, gegen Parham Maghsoodloo einen Bauern gegeben, ohne dass ersichtlich war, woher die Kompensation kommen soll. Nikita Vitiugov erwehrte sich eines schwarzen Bauernsturms am Damenflügel und Levon Aronian eines bis auf e6 vorgerückten Freibauern. All das sah potenziell kritisch aus, nur Viswanathan Anand schien gegen Hikaru Nakamura kaum gefährdet.

Korobovs schwarzfeldriger Traum ging nicht in Erfüllung. Donchenko gab einen Bauern zurück, einen zweiten noch dazu, um sich in ein für Weiß ungewinnbares Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern zu retten - 2:2.

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Alexander Donchenko, direkt vom Mitropa-Cup angereist, ließ au der langen Diagonalen nichts anbrennen. | Foto: Christian Hoffmann/SC Viernheim

Hikaru Nakamura hatte seinen kleinen Weißvorteil zwischenzeitlich doch in ein Turmendspiel mit Mehrbauern verwandelt, ein 0,00-Endspiel laut Engine und Tablebase allerdings. Obwohl an der einen oder anderen Stelle einzige Tablebase-Züge zu finden waren, bewältigte der Exweltmeister die Defensivaufgabe gegen Nakamuras hartnäckige Versuche mit Leichtigkeit. 1 Stunde und 12 Minuten standen auf Anands Uhr, als die beiden nach 57 Zügen das Brett bis auf die beiden Könige abgeräumt hatten. Nakamuras Uhr war beim Suchen nach Gewinnoptionen auf 4 Minuten heruntergelaufen.

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Geht da wirklich nichts? Hikaru Nakamura fahndet nach einem Gewinn im Turmendspiel gegen Viswanathan Anand. | Foto: Christian Hoffmann/SC Viernheim

2,5:2,5 stand es, aber dir Baden-Badener waren einem 4:4 nicht näher gekommen, im Gegenteil. Keymer und Vitiugov kämpften mit Minusbauern gegen die null, Keymer noch dazu in zerrütteter Stellung, während Aronian zwar erfindungsreich das Gleichgewicht hielt, aber sich nicht den kleinsten Fehltritt erlauben durfte. Dudas Freibauer hatte mittlerweile e7 erreicht, nun drohte auch noch eine Königsattacke, und Aronian musste eine ganze Reihe einziger Züge finden.

Dass aus diesen drei Partien 1,5 Punkte für Baden-Baden herausspringen, sah schon unwahrscheinlich aus, noch verschärft durch den Umstand, dass ein 4:4 eigentlich zu wenig war. Nur mit einem Sieg hätten Baden-Baden die mit einem Punkt führenden Viernheimer von der Tabellenspitze verdrängt. Ein Unentschieden würde zwar ein Davonziehen des Tabellenführers verhindern, aber doch bedeuten, dass Baden-Baden auf Viernheimer Ausrutscher hoffen muss.

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Kein guter Arbeitstag für Vincent Keymer. | Foto: Christian Hoffmann/SC Viernheim

Nach fast fünfeinhalb Stunden die erste entschiedene Partie. Vincent Keymer gab sich in hoffnungsloser Stellung geschlagen, nachdem sich in seinem Lager zum auf d6 eingepflanzten Oktopus noch ein weißer Turm auf der siebten Reihe gesellte, um den schwarzen Königsflügel abzuräumen. Das ließ sich Keymer nicht mehr zeigen - 3,5:2,5 für Viernheim.

Zwar hielt Aronian sein Endspiel gegen Duda, 4:3, aber David Anton hatte seinen Damenflügelsturm ebenfalls mit einem Oktopus auf d3 kombiniert. Der Spanier spielte diese beiden Trümpfe aus, indem er die Partie in ein höchstwahrscheinlich gewonnenes, aber vor allem nie und nimmer zu verlierendes Schwerfigurenendspiel abwickelte. Nach gut sechs Stunden resignierte Nikita Vitiugov - 5:3 für Viernheim.

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Als sich zu Maghsoodloos Oktopus auf d6 noch ein Turm auf der siebten Reihe gesellte, war es vorbei. Nikita Vitiugov mochte David Antons Oktopus auf d3 nicht nehmen, das würde nach ...cxd3 unter anderem zu Ungemach auf der c-Linie führen.

"Ein überzeugendes Match", analysierte Dennis Wagner im Stream: Schwarzpartien wegremisiert, wo es wichtig war, in allen vier Weißpartien Druck gemacht und nie in Gefahr gewesen.  

In der Abstiegszone hat Mülheim-Nord sich mit einem eminent wichtigen Sieg über Heimbach-Weis-Neuwied Luft verschafft. Bundesligadino Hamburger SK bleibt nach dem ersten Saisonsieg, 5:3 gegen Dresden, auf einem Abstiegsplatz, hat sich aber herangekämpft und zudem dafür gesorgt, dass die Dresdner längst nicht aller Abstiegssorgen ledig sind.

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Alle Ergebnisse des zehnten Spieltags:

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Nation
FRA
Titel
GM
Elo
2732
DWZ
2719
Punkte
3.5
Partien
7
Nation
IND
Titel
GM
Elo
2751
DWZ
2738
Punkte
2
Partien
3
Nation
ROU
Titel
GM
Elo
2719
DWZ
2751
Punkte
3
Partien
5
Nation
GER
Titel
GM
Elo
2633
DWZ
2665
Punkte
6.5
Partien
10
Nation
GER
Titel
GM
Elo
2726
DWZ
2727
Punkte
7.5
Partien
11
Nation
AZE
Titel
GM
Elo
2733
DWZ
2732
Punkte
10
Partien
13
Nation
UKR
Titel
GM
Elo
2651
DWZ
2668
Punkte
6.5
Partien
10
Nation
ESP
Titel
GM
Elo
2673
DWZ
2729
Punkte
7
Partien
10
Nation
IRI
Titel
GM
Elo
2732
DWZ
2720
Punkte
7
Partien
9
Nation
USA
Titel
GM
Elo
2789
DWZ
2774
Punkte
2
Partien
3

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